Arthur Schnitzler an Felix Salten, 5. 8. 1907

lieber, ich danke Ihnen für Ihre Nachrichten, lassen Sie uns jetzt nur bald hören, daß Ihre Frau sich vollkommen erholt hat. Dem Buben geht’s wohl schon wieder ganz gut? Wir sind nun einen vollen Monat da und werden wahrscheinlich bis nach dem 20. bleiben. Heute kommt meine Mama an, vielleicht nimmt sie Heini mit nach Wien; dann wollen wir, Olga und ich noch südlicher, vielleicht, u theilweise zu Fuß, über die neue Dolomitenstraße, nach Bozen. In Meran oder am Gardasee denken wir eine Weile zu rasten und dann, in den ersten Septembertagen, in Wien einzutreffen. Möglich, daß wir irgendwo mit Richard und Paula Zusammentreffen. Sie wollen im September eine Meerfahrt unternehmen? Thäts der Gardasee nicht auch? Mein Rad hab ich nicht mit, bedaure es auch nicht sehr, da meine Zeit reichlich ausgefüllt ist. Vormittag Waldwanderungen, allein, oder mit Olga; Nachmittag 2–6 etwa arbeit ich; dann spazieren; dann Nachtmahl und Platformwandelei. Tennis haben wir erst einmal gespielt – der Platz lächerlich; unsre Partnerin war eine sehr charmante junge Frau Epstein (geborne Mizzi Hudetz), Schwägerin der Anna Epstein-Loeb. Ferner befinden sich hier die Schwestern der Frau Auernheimer, mit allerlei Ascendenz u Descendenz zum Theil gutes u. vorzügliches Menschenmaterial. Der Mann der verheirateten Schwester, Frankfurter mit Namen, Direktor des oesterr Lloyd, scheint was nicht gewöhnliches zu sein. – Daß Bahr Sie gegen Pötzl – wie soll man da sagen – in Schmutz nehmen? – mußte, hat uns sehr amusirt. Wenn sowohl Ihren Morgenruf als Pötzl’s Lobeshymne zu lesen kommen könnte, wär ich Ihnen herzlich verbunden. (Daß Sie mir die berühmte Sammlung der 12 Berl. Feuilletons noch immer nicht gegeben haben, nur nebenbei.) Wie stehts im übrigen mit Ihren Arbeiten? In welcher stecken Sie am tiefsten? – Ich schreibe hier nur an dem Roman, letzte, zum Theil wohl vorletzte Feile; habe ein wunderschönes Zimmer, in das vom Hoteltrubel nichts dringt, mit einem guten Blick üper Wiesen und Wald ins Thal; vorgebauter Balkon; oberster Stock. – (Das idealste Arbeitszimmer – ohne dieses, glaub ich, hielt es mich doch nicht so lang hier). An Lienz vorüberfahrend und an Dölsach (so heißts doch) blieb ich nicht ungerührt – »wie war ich jung« heißt es in der schönsten Scene die ich je geschrieben habe (aber es stehen auch originellere Sachen drin). – Lese hauptsächlich Bülow (Hans v) Briefe, jetzt den letzten, 5. Band. Die Mannschen Zwei Racen mit Bewunderung und mit leisem Widerstand gegen allerlei menschliches in Heinrichs Seele.

Es wäre lieb von Ihnen, wenn Sie nächstens etwas mehr von sich vernehmen ließen, und besonders wünscht ich zu wissen, welcher Ihrer Stoffe Sie jetzt am stärksten bewegt und welchen Sie »zunächst« (ein scheußliches Berliner Wort) in Bewegung zu setzen gedenken. Dann Ihr Befinden, kurz u gut, was Sie mir zu sagen haben. Schöner wärs natürlich, wenn man an irgend einem Ufer gemeinsam wandelte, wo sich »denn« u. s. w.

Wir grüßen Sie vielmals

von Herzen
Ihr
Arthur
Schnitzler, Arthur Welsberg–Taisten 5. 8. 1907
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 560–562