Adele Sandrock an Arthur Schnitzler, [5. 8. 1894]

Mein süßes einziges Kind.

Endlich erhielt ich heute von Dir Nachricht – es war die höchste Zeit, hast Du mich doch volle drei Tage warten lassen. – Also mein Engel – wir werden uns seh’n – bald seh’n – – – wie stellen Sie Herr Doctor sich das vor??

Ich schrieb gestern an Herrn Director Bucovics um einen Nachurlaub von 14 Tagen – habe bis jetzt noch keine Antwordt. – Mir geht es bedeutend besser mein Herz – ich habe meine Cur beinah beendigt und hoffe mit Gottes Hilfe am 15ten wie Du es wünscht, in Salzburg zu sein. Bekomme ich noch Urlaub fahre ich noch nach Ostende, weil mir Urbantschitz streng anempfohlen hat noch die Seebäder zu gebrauchen. Er hat mir einen geradezu süßen Brief geschrieben – und schreibt unter Anderm – ich rathe Ihnen dringend die letzten Wochen Ihrer Nachcur, nur Ihrer Gesundheit zu leben – und sich sehr zu schonen! –

Na – wenn ich auch nach Salzburg fahre – Du wirst Wunder auf mich wirken – denn Dich mein Kind, liebe ich derart rasend – dass ich schon vollkommen hergestellt bin wenn ich nur daran denke Dich zu seh’n. – Mutzi – warst Du mir treu? O Kind – ich kann Dir ruhig in die Augen seh’n – aber Du! –

Nun Butzel – will ich schlafen geh’n. Bicycle bin ich nicht mehr gefahren – es hat mich zu sehr angestrengt. –

Für heute tausend innige Grüsse und Küsse von Deinem
Dich anbetenden Diltsch.
AS

Meine Familie ist wüthend dass ich nicht schon jetzt nach Ostende fahre – ich mein Kind bin gar nicht dafür – jetzt habe ich mich so schön erholt – und soll diese weite Reise unternehmen – da strenge ich mich mehr al an als gut ist – gelt Butzi? Wirst Du lieb und gut sein mit mir – muß ich Berge steigen? Museen besichtigen – Schlösser und Gärten?

Bitte – nein – nur mit Dir will der gute Diltsch sein – ganz für Dich leben – still und ruhig, die paar Tage mit Dir verbringen. Wie lang kannst Du Dich mir widmen, das muß ich wissen. Bitte auf diese Frage Antwort per Telegraf. – Sofort. Bitte Schatz.

Und – noch Eins.– Gehst Du Anfang September auf drei Wochen fort von Wien? Wenn ja – komme ich nicht zu Dir nach Salzburg und fahre direckt von hier nach Ostende – schreibe dann dem Bucovics dass ich erkrankt bin – und treffe dann erst dann ein, wenn Du in Wien bist! Hier wird es unerträglich – kaltes abscheuliches Wetter – Willy ist sehr ungemüthlich – sie war unlängst in Wien, wo ihr der Bahr erzählt hat, Du hast ihm gesagt sie sei sterblich in Wögerer verliebt – sie hat mir einen wahnsinnigen Tanz gemacht – Du bist aber auch ein altes Waschweib. – Ich vertraue Dir nichts mehr an. Quand on est bête, c’est pour longtemps. Das geht auf Dich! Auch sagte Bahr Du wärst geradezu empört gewesen – dass ich nach Wien kommen wollte – Mutzi – wozu all dieser Unsinn – ich will Dich doch nicht belästigen, hättest Du mir einfach geschrieben – Diltsch – ich will Dich nicht in Wien seh’n – wäre ja Alles gut–! Wozu so einen fremden Menschen in sein Vertrauen einweisen. – Nun – gute Nacht Schatz – ich liebe Dich doch – Du bist mein Abgott, mein Alles auf dieser Welt! Du, mit Deinen süßen Augen! –

Auf Wiederseh’n–!–
Ewig Dein
Diltsch

Dein guter treuer

Sandrock, Adele Marienbad [5. 8. 1894]
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4407/1

    hs. Brief, 2 Bl., 8 S., von Schnitzler datiert: » 5/8 94. «

  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Sandrock, Adele Dilly. Geschichte einer Liebe in Briefen, Bildern und Dokumenten Zusammengestellt von Renate Wagner Wien, München Amalthea 1975 171–173