Bahr: Der Puppenspieler. (Studie in einem Aufzuge von Arthur Schnitzler. Zum ersten Mal aufgeführt im Carl-Theater am 12. Dezember 1904)

Neues Wiener Tagblatt, 13. 12. 1904
Aufzeichnung von Hermann Bahr, 9. 12. 1904

... Dictiert über Schnitzlers P ...

Tagebuch von Arthur Schnitzler, 13. 12. 1904

... erg in der N. , Bahr im Tgbl. , Salt ...

Aufzeichnung von Hermann Bahr, 13. 12. 1904

... 13. Im Tagblatt mein Aufsatz über Arthurs »Puppenspieler«. ...

Hermann Bahr: Glückwunsch, Mai 1912

... mußte Dir alles sagen und so verwandelte sich die » Rezension« mitten drin in einen Brief an Dich – o die armen ...... » Beiseite leben. Still sein. Sich nicht vermessen, um sich nicht zu verlieren. Umgekehrt wie Brand: nicht ›alles oder nichts‹, sondern dazwischen. Nicht hochmütig auf die Wahrheit pochen, die, wenn sie extrem wird, über unsere Kraft geht. Die kleinen Lügen nicht verachten, aus denen doch manchmal etwas so Wirkliches wie dieser kleine Bub hier wird, worin vielleicht das eigentliche Wunder und das letzte Geheimnis unseres Lebens liegt. Eine Gesinnung, die sich seit ein paar Jahren bei Schnitzler immer wieder meldet, sogar im ›Einsamen Weg‹, seiner reichsten, so wunderbar tiefen und reichen Dichtung. Eine Gesinnung, die auf mich – lieber Arthur, sei nicht bös, aber: Bekenntnis gegen Bekenntnis – allmählich unerträglich pensioniert wirkt. Eine Gesinnung, mit der sich auch Hebbel, durch Österreich gebrochen, betrogen hat: Kraft oder Schönheit gehört in unser Leben nicht, nimmt, wenn sie sich darin zeigt, eine Schuld auf sich und muß sie tragisch büßen. Ich habe sonst meinen Marxismus mit der Zeit recht bedingen gelernt, aber da muß ich doch sagen: Dies scheint mir wirklich nichts als der geistige Ausdruck einer sinkenden ökonomischen Klasse zu sein, die, da sie sich durch die Entwicklung unaufhaltsam zerrieben fühlt, jetzt einfach aus dem Leben desertieren will. Durch unsere Geburt gehören wir ihr an, deshalb wird sie aus unserer Empfindung niemals auszutilgen sein, die Frage ist nur, ob wir auch geistig uns ihr fügen müssen oder sie geistig vielleicht überwinden dürfen, ob nicht unserer Generation gerade dazu nur die Kunst gegeben wurde, die Kunst und die namenlose Sehnsucht, um durch sie das Leben selbst, dessen leere Lügen wir nicht mehr ertragen, aus uns umzuformen. Das Leben hält uns geistig nicht, was wir von ihm fordern. An unseren Gedanken gemessen, ist es matt und dumpf. Und darum willst Du Dich aus ihm stehlen, in den Winkel müßiger Entsagung? Weil es unserem Geiste nicht gemäß ist, das soll mich bestimmen, es mit dem Geiste der Väter zu versuchen? Wenn das Leben mir nicht gemäß ist, wer sagt Dir denn, daß ich darum mich ändern muß, statt es? Trauen wir uns so wenig zu? Haben wir uns denn schon mit ihm gemessen? Wir wollen doch erst einmal sehen, wer stärker ist: wir mit unserer freudigen Sehnsucht nach der neuen Form einer starken, durchaus wahrhaften, leuchtenden Existenz in innerer Freiheit, oder dieses hinfälligen alten Lebens trister Widerstand! In Gedanken still beiseite, sozusagen: auf dem anderen Ufer sein und höchstens manchmal lächelnd herüberschauen, froh, daß man sich noch zur rechten Zeit geflüchtet und davor gesichert hat, das scheint jetzt oft der müde Wunsch Deiner Menschen. Aber solche Gedanken, die nur still, mit gesunkenen Händen, beiseite sitzen können, sind mir nichts und mich verlangt nach kühneren, die die Kraft hätten, die Fäuste zu ballen und ins Leben zu strecken und es nicht zulassen, bis es uns segnen wird. Ich denke jetzt so oft an Deinen ›Schleier der Beatrice‹, an die schaurig große Stimmung jener letzten Nacht, die den blutigen Borgia schon vor den Toren weiß und morgen wird er kommen und mit ihm kommt der Tod. Sind wir nicht selbst jetzt in solcher Nacht einer Welt, die morgen versinkt? Aber da wollen wir doch die paar letzten Stunden, bevor der Borgia kommt, endlich einmal nicht mehr entsagen, nicht mehr uns fügen, nicht mehr nach dem Gebot der Väter fragen, sondern nachholen, bevor es zu spät ist und endlich nichts als wir selbst sein und, den Tod im Leibe, endlich, endlich leben! Ich glaube nicht mehr, Arthur, daß Entsagung Reife ist. Ich glaube, sie ist nur innere Schwäche. (Furcht von Menschen, die sich bewahren wollen, weil sie noch nicht wissen, daß dies der Sinn des Lebens ist: sich zu zerstören, damit Höheres lebendig werde.) Ich glaube, daß dies weite Leben, das da draußen winkt, ungeheuer reich an wilder Schönheit und verruchtem Glück ist: es wartet nur auf einen großen Räuber, der es zwingen wird. Ich glaube nicht mehr an die kleinen Tugenden des gelassen zuschauenden Geistes. Ich glaube nur noch an die große Kraft ungestüm verlangender Leidenschaft. Und ich glaube, daß einer von uns, gerade einer von uns, dies machen muß, dies Werk, das die letzte Nacht einer alten Zeit enthalten wird, aus der schon in der Ferne, blutig froh, die Sonne der neuen bricht. Mach’ Du’s! « ...

Nachwort

... Bahr zitiert das in einer Rezension, um daran anzuhängen: »Eigentlich ist es nur Assoziation, w ...... Oder wenn zum Abschluss einer Rezension des Puppenspielers () der Wunsch geäußert wi ...... rlegt, ihn auf einer Bühne zu spielen (). Die Besprechung des Puppenspielers vom 13. 12. findet Schnitzler falsch. Ab ...