Bahr: Tolstoi der Künstler

Der Sozialist, Jg. 2, Nr. 23/24, 15. 12. 1910
Olga Schnitzler: Spiegelbild der Freundschaft, 4. Kapitel, 1962

... Wenn nun aber das Verhältnis der Menschen zur Kunst so entartet ist, daß sie ganz verlernt haben, das Kunstwerk auf sich selbst zu beziehen und es in ihr Sein und Tun aufzunehmen, dann ist in solcher Zeit der Künstler um seine Kunst betrogen. Wenn das Kunstwerk seinen eigentlichen Sinn, dem Leben ein Beispiel zu geben, verliert, dann bleibt dem Künstler, eben um ein Künstler zu sein, nichts übrig, als dieses Beispiel unmittelbar durch sein Leben zu geben. Denn dem Künstler ist sein Kunstwerk nur so viel wert, wie davon im Sein und Tun der Menschen lebendig wird. Hat das Kunstwerk in unserer Zeit diese Kraft nicht mehr, so wird sich der Künstler ein anderes Mittel suchen müssen: die Rede von Mann zu Mann, die Wirkung durch seine lebendige Gegenwart oder aber in seiner höchsten Not irgend eine die Menschheit aufschreckende Tat, wie es Tolstois Flucht und sein erhabener Tod war. ...

Kommentar zu: Olga Schnitzler: Spiegelbild der Freundschaft, 4. Kapitel, 1962

... Hermann Bahr: Tolstoi der Künstler. Hier wohl nach dem Zitat Wer ein Künstler ...