Shakespeare: Verlorene Liebesmüh’

Hermann Bahr: Erotisch, 22. 6. 1901

... Verlorenen Liebesmüh ...... Wie hättet Ihr, o Herr, und Ihr und Ihr Erforscht die Herrlichkeit der Wissenschaft, Half euch die Schönheit nicht der Frau’ngesichter? Aus Frauenaugen zieh’ ich diese Lehre; Sie sind der Grund, das Buch, die hohe Schule, Aus der Prometheus’ echtes Feu’r entglüht. Lieb’, in Frauenaugen erst gelernt, Lebt nicht allein vermauert im Gehirn, Nein, mit der Regung aller edlen Geister Strömt sie gedankenschnell durch jede Kraft Und zeugt jedweder Kraft zwiefache Kraft, Weit höher als ihr Wirken und ihr Amt. Die feinste Schärfe leiht sie dem Gesicht; Wer liebt, des Auge schaut den Adler blind. Wer liebt, des Ohr vernimmt den schwächsten Laut, Wo selbst des Diebs argwöhnisch Horchen taub ist. Die Liebe fühlt empfindlicher und feiner Als der beschalten Schnecke zartes Horn; Schmeckt sie, wird Bacchus’ leckre Zunge stumpf; Ist Lieb’ an Kühnheit nicht ein Herkules, Der stets der Hesperiden Bäum’ erklimmt? – Schlau wie die Sphinx, so süß und musikalisch Wie Phöbus’ Lei’r, bespannt mit seinem Haar? – Wenn Liebe spricht, dann lullt der Götter Stimme Den Himmel ein durch ihre Harmonie; Nie wagt’s ein Dichter und ergriff die Feder, Eh er sie eingetaucht in Liebesseufzer! ...