Tagebuch von Arthur Schnitzler, 1. 1. 1909

1/1 Erwacht mit Kopfschmerzen; Zeitung gelesen, Olga Maiglöckchen (eingepflanzt) zum Neujahr; allein spazieren, bei schönem kalten Wetter, über die Felder nach Pötzleinsdorf, Salmannsdorf, Dornbacher Park. Versucht die schwere Scene des Medardus durchzudenken; ging nicht; später ging mir eine Novelle durch den Kopf (Doctor Tennhardt) – endlich überlegte ich das vergangne Jahr, Thatsachen, Beziehungen, Resultate. Einzige absolute Beziehung: Olga und Heini. Brüderlichzärtlich-schüchtern zu Julius; herzlich schwesterlich zu Gisa; unveränderlich nervös-sentimentale zu Mama.

– »Freunde«: dauernd gut in gegenseitigem herzlichem Respekt – zu Richard; ohne tieferes Bedürfnis häufigen Zusammenseins .  .  .  zu Hugo kühl-humoristisch-bewunderungsvoll; und sein Verhältnis zum »Weg ins freie« war ein tiefes Symptom – es gibt eine Art Gipfelgrüßen zwischen uns und ein gemeinsames lustiges Spazieren in Thälern – unsre Wege gehen getrennt.– Das Verhältnis zu Salten ist irreparabel. Tiefster Grund seinerseits: er erträgt es nicht, so völlig gekannt zu sein. Dazu sein Gefühl, daß ich ihm im Licht stehe – (daran daß mein (übrigens im wesentlichen völlig gleichgiltiges) Verhältnis zu Kainz nicht wiederhergestellt wurde, trägt Salten sicher mit Schuld – in einer nicht zu fassenden, von ihm sicher nie (vielleicht auch sich selbst nicht) eingestandnen Art).– Und endlich schlechtes Gewissen;– zeigt sich auch darin, daß er (andern gegenüber) versucht mir Schuld zu geben – ich hätte ihn vernachlässigt (die Wahrheit ist, daß ich ihn vielleicht ein halbes Dutzendmal besucht hatte, ohne daß er mir erwiderte). Heiter-ironisch-freundschaftliches Verhältnis zu Wassermann. Verhalten-herzlich-reines zu Arthur Kaufmann. Innerlich klare aufrichtig freundschaftliche Beziehung mit Bahr (den ich nie spreche), gleiches zu Burckhard.– Auernheimer, Trebitsch kommen, trotz gelegentlicher Begegnung nicht in Betracht.– Aus allerlei Fernung kommt auch manches Zeichen stärkerer Sympathie (Toldy z. B.) –

Vielerlei wurde in diesem Jahr begonnen; wirklich vollendet nichts. Die beiden ersten Akte von Prof. Bernhardi und des Verführers wurden flüchtig skizzirt; die ganzen Stücke (z. Th. früher) szenirt. Im Sommer wurde die fünfactige Skizze zum Weiten Land niedergeschrieben; am 26. October der Medardus ernstlich begonnen, und die neue Skizze nähert sich dem Schluß. Doch scheint mir die Sache, nach der praktischen Seite besonders, nicht aussichtsvoll, da die Schwierigkeiten der Aufführung außerordentlich sein würden.– Die Pläne zur Prinzessin Sibylle, zu den Geschwistern, reiften; auch zu etlichen Einaktern. Novellistisch die Hirtenflöte, die als ganzes noch unfertig auch in dieser Skizze noch nicht zu Ende dictirt ist.– In Aussicht stehend die Aufführung der Comtesse Mizzi (zusammen mit der Liebelei) am deutschen Volkstheater. Die Pantomime »Der Schleier der Pierette« ist von Dohnanyi componirt; gleiches widerfährt eben dem Singspiel »Der tapfre Cassian« durch Oscar Straus – in den Kammerspielen sollen diese beiden Werkchen ihre Laufbahn beginnen.– In Turin ist neulich (zusammen mit einem Einakter von Claretie) letzte Masken und Abschiedsouper gegeben worden; nur letztres mit dem üblichen Erfolg. Liebelei, Abschiedsouper bleiben nach wie vor die einzigen meiner theatralischen Producte, derer das Publicum nicht müde wird; auch der Kakadu flattert manchmal auf. Der Puppenspieler wird selten, aber dann immer mit Respekt empfangen. Auch Freiwild und Vermächtnis leben noch ein ganz klein wenig. Das Puppenspiel vom Cassian hat bei Kennern Anwerth gefunden. Der einsame Weg wird oft gelobt und selten gespielt; Herr von Sala erscheint (besonders bei Poppenberg) als eine Figur, die sich wie zu wirklichem körperlichen Dasein durchgesetzt hat. Zwischenspiel erhält sich mäßig, und auch der Grillparzerpreis, der ihm unverdienter Maßen zufiel hat es nicht zu erheblich stärkerem Leben gesteigert. Der Ruf des Lebens setzt sich vorläufig nicht durch.–

Als Erzähler behaupte ich mich besser wie als Dramatiker; die Novellenbücher werden geschätzt und immer neu aufgelegt; der Weg ins freie viel discutirt, von wenigen ganz verstanden, fand sich in einer Atmosphäre von Unaufrichtigkeit aufgenommen; Böswilligkeit und Verlogenheit machten sich damit zu schaffen; ehrlicher Enthusiasmus und parteiliche Anerkennung sahen sich zuweilen zum Verwechseln ähnlich; der buchhändlerische Erfolg war stark, und im ganzen kam das Buch dem Ansehn meines Namens sehr zu statten. An der Stelle, die ihm gebührt wird der Roman erst in der reinern Atmosphäre späterer Jahre sich behaupten.–

Mit meinem Arbeitsfortgang im ganzen bin ich nicht recht zufrieden; es mangelt an absoluter Concentration; hypochondrische und begründete Sorgen stören den reinen Lauf der Gedanken. Jener nicht ganz Herr werden zu können ist natürlich nichts als ein Talentmangel; wo das Hindernis war, bleibt am Ende immer gleichgiltig – der Künstler hat sich mit den Resultaten auszuweisen.–

– Weitre Versuche zum Medardus.

Zeitungen gelesen, Manuscript Gedichte eines gewissen Domenico Wölfel; Penthesileia (von Frl. Leo Hildeck).–

Baron Karg, aus St. Johann , zu Besuch da; der Bruder des verstorbnen Edgar; erzählte von seinem Leben in der Bezirkshauptmannschaft, Commissionen, Sehnsucht nach Wien ; anmutlos, ja durch sein Organ enervirend.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1909–1912 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Maria Neyses, Susanne Pertlik, Walter Ruprechter und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1981