Tagebuch von Arthur Schnitzler, 15. 1. 1909

15/1 Traum: ich bin in Gödöllö oder sonst auf einem ungarischen Schloß, werde nach kurzem Warten zur Audienz beim Kaiser vorgelassen, der in sehr dunkler Uniform, mit dem sich gleich entfernenden Erzherzog (Rainer?) mich empfängt. Ich berichte ihm, daß ich die Amme und das Fräulein des verstorbnen Kronprinzen gesprochen – erinnre mich auch im Traum thatsächlich daran, als wär, es ein vorhergehender Traum gewesen. Plötzlich erscheint Salten, in Überrock, sehr intim, begrüßt mich, der Kaiser etwas froissirt denkt sich offenbar: man soll sich mit diesen Leuten doch nicht einlassen, dann geht Salten, dann ich und wir plaudern sehr angeregt.

Vm. kais. Rath Gaschler bei mir, mir bei der Personal Einkommens Steuer Fassion behilflich.–

Nm. Herr Baum von der Literarischen Gesellschaft in Frankfurt a. M. , wo neulich Bahr über mich gelesen1, mit Anträgen, ev. wegen einer Tournée. Dilatorisch.

Briefe dictirt.–

Richard Specht besucht mich; über Weingartner, Mahler, Schönberg, etc.– bleibt zu lang.–

Neue Kritikensammlung, von Fischer gesandt, über den Weg. Die Hauschner, fand endlich in der »Hilfe« eine Stätte für ihren mir nun erst bekannt werdenden sehr freundlichen Aufsatz. Unglaublich die »österreichische Rundschau« (weiß wegen Fehlen des Blatts noch nicht den Namen des Verfassers – wohl Stößl) ein frech verlogenes Fälscherstück nicht nur an dem Buch sondern an meiner ganzen Persönlichkeit. Bin es bei antisemitischen Zeitungen gewöhnt und kümmre mich nicht – aber hier – das Blatt, welches erklärt .  .  .  es verdiene seinen Namen nicht, wenn ich nicht mitarbeite. Hr. Glossy, der Herzkrämpfe kriegt, weil ich ein versprochnes Mscrpt. nicht abliefere – Hr. Baron Oppenheimer, der mich besucht und bittet (und dem ich eine Novelle überließ, trotzdem schon damals über die »Dämmerseelen« eine Unverschämtheit erschienen war) – den ich erst vor ein paar Tagen begegne und der mich wieder um Beiträge ersucht .  .  .  Es handelt sich nicht um eine Kritik, sondern um eine Fälschung (buchstäblich) – Unterschlagung der Thatsachen, falsche Erzählung des Inhalts, u. s. w.–

– Las Grabbes Napoleon (wieder) zu Ende.–

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1909–1912 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Maria Neyses, Susanne Pertlik, Walter Ruprechter und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1981
1 neulich Bahr über mich gelesenAm 5. 11. 1908, Aufzeichnung von Hermann Bahr, 5. 11. 1908.