Tagebuch von Arthur Schnitzler, 24. 6. 1909

24/6 Früh bei Mama und Besorgungen.–

Dictirt. (Exposition W. L. und Briefe.)

Zu Tisch Grethe und Mirjam Ziegel-Horwitz (aus Breslau ).

Las Nm. Bahrs Tagebuch mit Vergnügen und Interesse; obzwar beinah jeder Satz ein Unsinn ist. Österreich, Menschen, Gestalten, Werke, – fast alles sieht er falsch; dieser wahrhaft freie Mensch ist der Knecht seiner vorgefaßten Meinungen, und jede seiner Meinungen ist »vor«gefaßt, da sie Zufälligkeiten ihre Entstehung verdankt und sich niemals logisch entwickelt.–

Abends kam Gustav, mit ihm, O., Mirjam im Türkenschanzrestaurant genachtmahlt.–

Nm. war Menkes da, zerknetscht und ein im ganzen hoffnungsloser Fall.

Baron Winterstein, der jetzt nach Absolvirung Jus allerlei medizinisches und philosophisches studirt; offenbar begabt und klug über seine Jahre.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1909–1912 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Maria Neyses, Susanne Pertlik, Walter Ruprechter und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1981