Tagebuch von Arthur Schnitzler, 31. 1. 1910

31/1 Vm. Volkstheater; Generalprobe von Fulda, »Exempel« (schrecklich).– Sprach Fulda, Bauer, Ganz, Feld u. a.–

Nm. fing ich, wegen Rußland , Brief der Zenaida Wengerow an, »W. Land« durchzusehen.

Zum Thee Nina Kipiany (die jetzt Heini französisch unterrichtet) mit einem Baron Manteuffel, 50er, vielgereist, Bohémien, eben aus Paris fälschlich als Spion ausgewiesen;– sprachen viel über Zionismus, Herzl, Weininger u. a.–

In Hietzing mit O. bei Trebitsch. Anwesend Fulda, Jacob und Julie,– Stefan Zweig – Bei Tisch Frau Trebitsch plötzlich, ganz vergessend, wer da – – »Wissen Sie denn schon die Geschichte von d’Albert und der Fulda .  .  . ?« Ich (ebenso vergessend): Es ist kein Wort wahr!1– Darauf Frau T. – direct zu Fulda ».  .  .  Sie müssen doch was wissen, Sie kommen ja aus Berlin –« .  .  .  – Jetzt endlich merkte sie – allgemeines effarement2F. ganz klug sagte. »Ich interessire mich nicht für Klatsch .  .  .  auch hab ich keine Nachrichten von meiner früheren Frau .  .  . « Nach einer Minute wieder laß ich einen Lobgesang auf Bahr los – gegen den F. einen wüthenden Haß hat – ganz vergessend, daß sie sogar im Prozeß3 waren.

F. fort auf den Concordia Ball; wir andern spielten Baraque (ich verlor mit O. gegen 50 Kr.). Im Auto heim. Zwei Uhr.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1909–1912 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Maria Neyses, Susanne Pertlik, Walter Ruprechter und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1981
1 kein Wort wahr! Schnitzler war durch Brahm informiert, vgl. Bw Schnitzler/Brahm 291 und 293.
2 effarementEntsetzen.