Tagebuch von Arthur Schnitzler, 5. 1. 1911

5/1 Vm. dictirt Briefe, »Herbot«.

Nm. Kaufmann; über die standard Feuilletonisten BergerBahrSalten. Ähnlichkeiten und Unterschiede. Die Rede Bergers auf dem Friedhof, am Grabe der Frau Tressler 1, wie er sich an seinen Worten berauschte, bis Tressler fast hysterische Krämpfe kriegte und Leute sagten: »Er soll doch endlich aufhören.«– Salten am schlechtesten dran; er hat innerliche Kämpfe durchzumachen, da er Urtheil hat;– eine gewisse Fähigkeit der Sachlichkeit;– Bahr völlig ungehindert – sein Urtheil ist (ganz ohne dolus) nur an die Person gebunden.–

– Um 6 Hr. Fritz Georg Antal (der mir nach dem Med. geschrieben und jetzt Vorträge über das Stück hält – die ganz dumm sein sollen). Junger Mensch, 23 Jahre, Jude, blond,– Budapest , Iglau ,– anfangs befangen; später gefaßter; nicht dumm; aber sicher ohne Talent; mit Vielseitigkeit posirend,– einiges »geistreiche«, nicht ganz unvorbereitet zum besten gebend, eben daran einen Roman zu beenden,– fühlt sich zu »allgemeinen Sätzen« in der Unterhaltung gedrängt.

Um 7, mit Fieber zu Bett. Grippe.–

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1909–1912 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Maria Neyses, Susanne Pertlik, Walter Ruprechter und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1981
1 Grabe der Frau Tressler Die Burgschauspielerin Sophie Tressler starb am 28. 12. 1910. Die Beerdigung fand am letzten Tag des Jahres auf dem Döblinger Friedhof statt.