Tagebuch von Arthur Schnitzler, 18. 10. 1894

18/10 Bei Bahr Vorm.; ihm »Wittwer« gebracht. Ueber Schwarzkopf, den er hasst, der nur kleines gelten läßt und großes herabzieht. Ich entgegne heftig. Bahr: Grad dem würd ich sagen, just, ich hab 5000 Abonnenten (Zeit, die seit 6. erscheint). Ich: Und er würde sagen, du lügst – und du würdest dann schimpfen: Jetzt sagt der Schw., dass ich lüg – so eine Gemeinheit. Bahr: Und du würdest sagen: Merkwürdig, wie der Journalismus verdirbt – jetzt lügt der mich auch schon an – Und Hugo würde im nächsten Moment schon vergessen haben, ob 500 – oder 50.000 – das ist das hübscheste!– – Ich: Antipathien begreif ich – aber die paar Menschen, die existiren, sollten sich doch verstehen! Bahr: Schw. ist kein Mensch.– Dann:– Bahr: Von der Dilly hat’s mir grad sehr gut gefallen, dass sie findet, Hugo ist ein Trottel. Ich sag in solchen Fällen: Gewiss, du hast ganz recht. Das ist Individualität, das gefällt mir!– Ich: Wenn ein Börsianer so was sagt,– gut – aber sagt’s einer, der die Pflicht hätte, das gute zu verstehn und zu würdigen, und nur zu faul dazu ist – so sage ichs ihm eben.– Er: Freundschaftspose!– Er: Wenn nächstens der Burckhard was schlechtes macht, so lob ich ihn doch, nur um den Schwk. zu ärgern.– Ich: Und du willst ein Kritiker sein –??– Er: Ah was!– Ich: Du begnügst dich damit ein Indiv. zu sein!– Er: Reicher hat in Fulda’s Kameraden 1 den Führer der neuen Richtung und Ehebrecher in meiner Maske gegeben. Ich: Vielleicht nur wegen des Ehebruchs und nicht wegen der Literatur?–

– Nm. Oskar Kraus bei mir, von seinem Stück Prinz Faust redend und von Dreckfiligranarbeit ohne Namen nennen zu können.–

Dann Mz. Rnh. Nach intimern Gesprächen über ihre Verlobung etc. umfasste ich sie und küsste sie sehr heftig, minutenlang; sie sass auf dem Eisbär-Fauteuil und liess gewähren.– Paul H. wartete im Nebenzimmer.– Sie dann: Warum haben Sie das gethan?– Ich: Weil ich Sie liebe (eine Bemerkung die mir sehr ekelhaft war).– Ihre üppigen schönen Lippen thaten mir wohl. Sie schien verwirrt, lächelte, will nicht wiederkommen – geht.–

Nachts bei D. die mir schrecklich war. Wieder um 2 weg, aus dem Bett, sich anziehn, der Weg in der Nacht – es ist immer dasselbe. Daran könnten auch tiefere Gefühle zu Grunde gehn.–

Nach den Küssen von heut Nachm. (Mz. Rh.) hatte ich übrigens abgesehen von dem Gefühl des Vergnügens auch das, eine Verpflichtung erfüllt zu haben.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1893–1902 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Konstanze Fliedl, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1989
1 Fulda’s Kameraden Die Uraufführung fand zwei Tage früher, am 16. 10., im Deutschen Theater statt.