Tagebuch von Arthur Schnitzler, 22. 10. 1894

22/10 Mz. Rnh. Nachm.– Anfangs »streng«– wir mußten beide lachen, als sie nach geschehener Behandlung (ich pinsle und elektrisir sie) den Schleier übers Gesicht zog.– Nicht lang; bald küsst ich sie und sie mich sehr warm zurück.–

Oskar Kraus las mir einige gut gemeinte Sachen aus einem Stück vor, das er plant.

Nach Orlando Lasso Conc. bei Bar. Hahn und Olga Golovin, wo auch Dilly.– Die Baronin eine gescheidte ungeheuer dicke Russin, mit einem Vollbart; sehr gebildet. Dilly, »die nie Zeitung liest« wüthend über eine abfällige Kritik im »Weltblatt« – und als ich ihr erwiderte, sagte sie, die sich für die allergrößte Tragödin (vielleicht mit Recht) hält – »sie habe nicht genug Dünkel, um dagegegen gleichgiltig zu sein«.–

Bahr schickt » Wittwer 1« mit abfälligem Urtheil zurück.– Ich freute mich – da ich gefürchtet hatte – er würde es loben, um einer günstigen Beurtheilung meines Stücks enthoben zu sein. Vielleicht thu’ ich ihm doch manchmal Unrecht.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1893–1902 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Konstanze Fliedl, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1989
1 Wittwer Erstdruck: Der Witwer. In: Wiener Allgemeine Zeitung, Nr. 5039, 25. 12. 1894, S. 3–4.