Tagebuch von Arthur Schnitzler, 31. 12. 1894

31/12 Vorm. Prater. Dilly. Gezankt. Widerlich.

Nm. liess mich Else S. herunterrufen, brieflich. Unten sie, Gouvernante, Robert der 3j.– »Ich reise Mittwoch nach Dresden , muss Sie noch einmal sehen.«– (Die Gouv. kehrt sich »eingeweiht« um.) – »Diese Person besudelt mich – sie versteht nicht – wer könnte das überhaupt verstehn, es ist jedenfalls sehr schön.« – Dann erzählt sie mir die Balkongeschichte. Sie hatte sich vorgenommen, wenn unsre Correspondenz herauskäme, sich umzubringen. Am 11. Dez. 93 kam sie heraus – darum stürzte sie sich vom Balkon herunter. Ihre Mutter hat meine Briefe eingesperrt – kann sie aber nicht lesen.– Abschied, Händedruck.– Abends sandte ich an Dilly und bestellte für Mz. Rh. Blumen.– Zu Hause Familie.– Halb zwölf gespielt. Zu Dilly um ½ 1. Bahr macht mir, etwas betrunken auf. Hinein, zu Dilly, die im Bett liegt. Auch etwas betrunken und heiser. Zwei Champagnerflaschen stehen auf dem Nachtkastl.– Sie ist zärtlich mit Bahr um mich zu ärgern – es war mir angenehmer als wenn sie mit mir zärtlich gewesen wäre.– Bahr ging. Ich blieb.– Wie ich sie hasste! mit ihren Dummheiten und mit ihren Extasen. Wie ich ihr so höhnisch auf ihre Fragen, ob ich sie lieb etc. ja erwiderte, dass es fast schon wieder wie Liebe klang.– Wie froh ich war um 2 ½ wegzugehn.

– Im Kfh.– Eckstein, Richard, Kraus (Penias vorlesend) Federn, Richard Engländer, v. Kiss (Schratt).

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1893–1902 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Konstanze Fliedl, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1989