Tagebuch von Arthur Schnitzler, 16. 1. 1895

16/1 Schicke an Speidel meine Sachen.– Im Museum Olga, die mir gestern geschrieben hatte.– Sehr hübsch und elegant. Sie hatte gehört, dass ich durch die Sandrock moralisch, physisch und finanziell zu Grunde gerichtet werde, wollte für diesen Fall, da sie mir ja da gar nichts mehr bedeute, meine Briefe zurück. Konnte sie enorm beruhigen. Es war eine schöne lebendige Stunde. Wir kamen, wie schon öfters, überein, dass wir uns bei achttägigem ungestörten Beisammensein ineinander verlieben würden.– Ihr Mann berührt sie jetzt nicht – weil er – sie von einem andern in der Hoffnung glaubt. Sie schwört mir, dass sie noch keines Mannes Gel. war; obzwar sie sogar einmal in einem Haus des Grafen S. gewesen – »Das Leben ist interessant – es ist doch das beste, was wir haben« sagte sie.–

Es gibt Wesen, die nicht in der Continuität leben, die dadurch jederzeit von ihrer Vergangenheit, ja selbst von ihrem gestern unsäglich getrennt sind und sich selber nie ganz haben können. Sie wirken geradezu unheimlich. (Dilly.) Andre fühlen die Continuität ihres Lebens zuweilen, andre immer (was wieder schmerzlich und auch unheimlich ist;– der Künstler, der producirende, der Dichter).

Nm. Ebermann da, der u. a. wollte, dass ich mir noch einmal sein Drama Phryne vorlesen lasse.– Im Rmdth. »Die Ueberzähligen« interessanter erster Akt.– Ich fühle, daß Bahr sie gegen mich ausspielen wird.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1893–1902 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Konstanze Fliedl, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1989