Tagebuch von Arthur Schnitzler, 29. 1. 1895

29/1 Vorm. bei Bahr.– Dilly wird Schwierigkeiten mit dem Stück machen, nicht aus Trotz, sondern weil sie wirklich nicht kann. Ich erzählte nun Bahr die ganze Geschichte (natürlich in der Fassung, dass ich wirklich bis 6 gewartet habe1 etc.) und da fand er nun, dass ich nicht die richtige Auffassung von Dilly habe, die eben eine Bajadere2 sei, irgend was göttliches, in eine ihr fremde Welt gestellt; als Bajadere sei ihr Sinn eben auf Lug und Betrug gerichtet, und führte ein Gespräch zwischen sich (Bahr) und Hugo an, dass ich zu sehr im weltlichen stehe (»wie mir überhaupt manches an dir unklar ist, auch im Schriftsteller« (was deutlich gehässig gemeint war)). Er verstand nicht oder wollte nicht recht verstehn, dass ich das bajaderenhafte recht gern gelten lasse, dass nur die erbärmlichen kleinen feigen Lügen (das telephoniren in der Nacht ihres Betrugs z. B.) durchaus nichts bajaderenhaftes haben sondern einfach hurenhaft sind. Dilly hatte sich immer beklagt, dass ich sie brutal behandle; auch darüber dass ich ihr im Prater einmal eine Scene gemacht, weil sie den Wunsch geäußert, einmal mit einem Cardinal ein Verhältnis zu haben. (Ich hatte ihr gar keine Scene gemacht, sondern war nur etwas verstimmt gewesen, was sie damals riesig freute.) – Welche göttliche Komik eigentlich in dem allen!– In Ischl kam Dilly zur Joël und beschwor sie auf den Knien, sie (J.) solle mich ihr (D.) nicht nehmen; ich sei ihr Christus, sie solle überhaupt nie einen Arzt zum Geliebten nehmen, weil der zu sehr auf seine Gesundheit bedacht sei.– –

Wir verblieben, daß Bahr bei Burckhard event. Intriguen Dillys vorbauen solle.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1893–1902 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Konstanze Fliedl, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1989
1 Fassung, dass ich wirklich bis 6 gewartet habeEr hatte in der Nacht, in der Sandrock und Salten miteinander schliefen, Licht in ihrer Wohnung gesehen.