Tagebuch von Arthur Schnitzler, 30. 1. 1895

30/1 Bei Bahr. Hat gestern mit Burckhard gesprochen; der vorgestern bei Dilly war. Hatte von 5 Rollen gesprochen, und Brkh. (Erzählung Bahr’s!) hatte die Empfindung, dass sie eigentlich von meinem Stück und ihrer Rolle wenig halte. Bahr theilte ihm den ungefähren Sachverhalt mit. (Burckh.: »Sie wird ihn halt betrogen haben, das hätt er sich ja bei der D. denken können. Aber in zehn Tagen sind’s entweder gut, oder sie hat einen andern Geliebten – wozu hab ich denn die vielen feschen jungen Leut’an der Burg? Den Zeska und den Reimers etc.«) Abend war Bahr bei Dilly, ich könne (so hatt ich ihr sagen lassen) jetzt erst recht nicht mit ihr verkehren, bevor sie die Rolle spielen wolle, da das so herauskäme, als verkehrte ich mit ihr, um sie dazu zu bewegen.– Dilly unter Thränen, ja sie wolle es als 4. Rolle spielen; beschimpfte Salten unerhört und läugnet alles.– Zum Schluss macht mich Bahr auf infame Gerüchte aufmerksam welche die Familie S. (die hetzen schon seit November gegen dich) über mich in Umlauf setze (»Es ist besser, wenn du das von einem guten Freund erfährst«) – ich hätte Dilly soviel – gekostet – sie hätte mir soviel Geschenke gemacht, ein Necessaire (richtig) – Bonbons (Lüge) – Wie sehr hatte ich sie immer gebeten, mir nichts als Blumen zu geben!– Ich war aufs tiefste verstimmt – unsagbar.

Nm. – erschien plötzlich Mz. Rnh. Ich war ganz glücklich. Wie sie hereintrat, merkt ich – dass auch der kleine Bleistift den ich seit Wochen verloren (ihr Weihnachtsgeschenk) auf meinem Schreibtisch lag. Ich theilte ihr mit, dass mein Verh. mit Dilly aus sei.– Mz. war sehr erfreut darüber. Neulich war sie im Hause Dillys – bei den L.s, gerade über ihr; und da erzählte ihr die Frau des Hauses, dass sie der Dilly einmal geschrieben, es möge nicht nach zehn bei ihr Klavier gespielt werden.– Und dieser Klavierspieler war ich gewesen.– Wir waren dann sehr zärtlich, küssten uns viel, und nächstens hab ich ein Rendezvous mit ihr.– Abd. in Excelsior mit Salten.– Beim rothen Rössel soupirt – Dort sprachen fremde alte Herren am Tisch nebenan – über Giampietros Maske in den Kameraden.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1893–1902 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Konstanze Fliedl, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1989