Tagebuch von Arthur Schnitzler, 7. 2. 1895

7/2 Nach dem ersten Auftreten Dillys in der Burg als Stuart (großer Erfolg) bei Bahr.– Dilly kam bald.– Sofort auf die Kniee; ich: Du hast ja bis ½ 11 Komödie gespielt – mußt du gleich wieder anfangen?– Sie log so ekelhaft und enervirte mich durch ihre Frechheiten und Zärtlichkeiten beim Souper so sehr, dass ich den Salten aus dem Café herauf telephonirte um zu confrontiren.– Er kam. Bahr war anfangs dumm grob mit ihm. Er ließ mich ganz im Stich, da er durch seine Aussagen Dilly entlastete; sie lag vor ihm auf den Knieen, schrie bald: Sagen Sie kein Wort, bald: Sagen Sie alles und war einfach zum erschlagen. Wollte in die Donau, wenn ich sie nicht wieder zur Geliebten nähme. Ich begleitete sie im Wagen, wo sie mir durch Thränen und tausendmaliges Fragen, ob ich sie liebe und Drohungen, dass sie sich in die Donau stürze (an der wir vorbei fuhren) einige »Ja, ich liebe dich« erpresste. Beim Hausthor verließ ich sie, mit tiefem Ekel.–

Im Anfang bei Bahr sagte sie einmal: Du bist ein Tyrann,– ich werde dich von jetzt an (pathetisch) Nero oder Mentor nennen,– bis wir ihr begreiflich machten daß nur Nero ein Tyrann, Mentor jedoch ein Hofmeister gewesen sei.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1893–1902 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Konstanze Fliedl, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1989