Tagebuch von Arthur Schnitzler, 11. 2. 1895

11/2 Im Prater. Sie (Dilly) steigt weinend aus dem Wagen. »Ich bin so krank!« Soll ich dich vielleicht bedauern?– »Ich habe ja nichts gethan.–« Genug – oder ich gehe.–»Was soll ich anfangen –? Ich liebe ja nur dich.«– Dein Verh. mit S. fortführen.– »Laß es genug sein, gib mir einen Hoffnungsschimmer!« Möglicherweise, in ein paar Monaten oder Jahren – wenn du einen andern Liebhaber hast, aber den Salten betrüg ich nicht, das fänd ich geschmacklos.– Ausbruch von ihr: »So, jetzt fahr ich wirklich zu Salten – und heut Nacht wird er bei mir schlafen!–« Ich lachte sie aus.– Dann erklärte sie wieder sie werde sich umbringen.– Sie: »Was hast du Freitag gemacht« (Tag des Betrugs). Ich sehe sie nur scharf an; dann: Ich werde dirs schon einmal erzählen.– Dann: Siehst du, wenn du nicht mehr zu lügen versuchst, bist du mir ganz sympathisch, denn den Betrug versteh ich ja.– Vorher: Ich: Ich werde dem S. sagen, er soll dir die Rendezvous mit mir verbieten.– Viel Thränen.– Abschied. Wann wieder? Sie: In 14 Tagen. Ich: Gut.– Sie blieb weinend an der Wagenthür stehn; ich drehte mich um und lachte.–

Wohlgefühl im Herumgehn wie noch bei keinem Praterspaziergang mit ihr.–

Abds. holte ich Mz. Rh. von ihrer Lection in der A.gasse ab.–

Dann zu Kaufmanns.– Julius, Helene u. a. dort. Auch Mizi Rh. kam.– Bei ihr während des Soupers. Dann ein Moment allein im Zimmer: Sie: »Jetzt möcht ich dich küssen.« – Mit ihr weg. Glatteis. Hole Wagen. Mit ihr zu ihrem Haus. Ich läute; dann sage ich: Jetzt wärs schön, noch herum zu fahren! – Sie: Warum hast du geläutet –?– Hausmeister. Ich frage nach einem Dr. Pircher, der begreiflicherweise nicht da wohnt und wir fahren wieder weg.– Um den Ring; Küsse, immerfort. Zärtlich, verliebt, wunderschön. Wie wir einmal um den Ring herum waren, wollte sie noch einmal.– Auf die Redoute. (Ronacher.) Mit Richard und einer Maske Tokaier getrunken.– Salten. Er war bei Dilly gewesen. Anfangs: sie will ihn erst in 14 Tagen wiedersehn, bis sie mich wiedergesehn. Sie möchte ihn wieder bei sich haben – erst wenn sie wieder mit mir ein Verhältnis habe. Er: Du möchtest also einfach nur ihn mit mir betrügen. Sie nannte mich einen Galeerensträfling. Am wüthendsten ist sie, wenn sie bedenkt, dass wir gemütlich als die besten Freunde im Kaffeehaus zusammensitzen – und keiner bei ihr ist!– Dann weinte sie wieder; dann wieder: sie möchte mich noch einmal haben und dann – Adieu sagen. Dann wollte sie wieder das Ehrenwort von ihm, dass ich wieder ein Verh. mit ihr haben werde. (Bei Bahr verlangte sie immer von mir das Ehrenwort, dass – sie mich nicht betrogen habe!–)

Kritik in der Wr. Abendpost über Sterben von Walden, enthusiastisch 3 Spalten.– (Die Dame, die Anatol so verrissen.) –

Nm. war ich bei Burckhard, der nichts bestimmtes sagte.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1893–1902 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Konstanze Fliedl, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1989