Tagebuch von Arthur Schnitzler, 21. 8. 1896

21/8 Skodsborg .– Kopenhagen .– Ny Carlsberg Glyptothek.– Zool. Garten.– Bei Brandes Nachmittag.– Über seine Stellung hier.– Allein.– Ich: Warum da Sie so frei sind, nicht fort von hier?– Er: Ists nicht gleichgiltig – wo man lebt – das Leben ist überall traurig (auf meine Einwendung:) freilich immer noch besser als das Todtsein. Aber ich bete die dänische Sprache an – und hasse alle andern, besonders die deutsche.– Mit 50 Jahren ist man allein – Sie werden auch allein sein.– Über den Hof. Der Kronprinz hat ihn früher oft zu sich berufen, nur, um zu thun, als ob er liberal wäre;– er (Br.) erzählt mir ein Beispiel von der Gedankenlosigkeit des Kronprinzen und Zerstreutheit. Wie er (Br.) über einen Schauspieler sagt: man merkt, dass in dem und dem Stück nicht der isländische König, sondern der Schauspieler auf die Bühne tritt,– und der Kronprinz am nächsten Tag dem Hof erzählt, der X sei nicht isl. König sondern Schauspieler gewesen.–

Bei Georg Brandes in Kopenhagen .Seine Bücher, zeigt sie mir, 30 dicke Bände, deutsche Verleger. Solche, die im Zuchthaus waren und solche, die drin sein sollten.– Bahrs letzter Artikel über den düstern Shakespeare 1. »So dumm – das ist überhaupt ein Affe.–« Richard Dehmel hat dem Br. Gedichte geschickt; Br. einige Ausstellungen – Dehmel einen beinah groben Brief.– Dauthendey, Przybyszewski unwahr, ich hasse diese Leute – vor allem verlang ich dass einer nicht posirt – Die Leute wollten mich besuchen, ich hab sie nicht empfangen, ich kann solche Leute nicht sehn; jetzt schimpfen sie auf mich. Die sind übrigens hergekommen,– weil man ihnen erzählt hat, die jungen Dichter seien hier alle Paederasten! Waren erstaunt, wie man sie aufklärte! Der kleine Nansen ein Paederast!–

»Was sind die Ideale der jungen Leute von 25 J. in Wien ?« fragte er mich u. a. »Fühlen sie sich verbrüdert mit den jungen Künstlern in Deutschland?–« Über Kainz, Brahm (dessen Häßlichkeit »wie eine Kröte!«) –

Freute mich, dass er geradezu dieselben Ansichten über alle liter. Dinge hat wie ich.– Auch Heine; man wird kühler gegen ihn.–

»Bilden Sie eine Gruppe in Wien ?« Nein. Ich machte ihn auf Hugo aufmerksam.– »Ah – hat nicht Bahr einmal einen lobenden Artikel 2 über ihn geschrieben?« Der Franzose von neulich fragte Br. heute (erzählt mir B.) – ob er neulich frei zu uns gesprochen oder sich – vorher Notizen gemacht!–

Hello war ein Idiot, ich hab ihn persönlich gekannt; ein Neger (Arzt) war bei ihm, der wohl mit seiner Frau geschlafen hat .  .  .  »Er sagte mir einmal: Oh, die Deutschen die glauben ja nicht an Gott!!« .  .  .  Da läßt sich gar nicht discutiren!–

Abends bei Nansen.– Paul schon dort. Gemütlich. Ins Kfh. mit ihnen. Brandes kam.–

Grétor, offenbar ein pathol. Lügner. Drängt Brandes eine angeblich herrliche Bronze aus der Renaissance auf, die sich als Dreck herausstellt. Nun fragen alle Leute, die zu Br. kommen: Sagen Sie – Sie sollen ja eine so herrliche Bronze von Grétor erhalten haben – und wollen sie sehen.–

»Ich bin hier so allein .  .  .  wenn ich von einer Reise zurückkomme, hab ich 3 Besuche zu machen – höchstens, bei meiner alten Mutter,– bei einer Freundin –« Bettelheim ihn aufgefordert, seine Biogr. zu schreiben oder schreiben zu lassen. Ich: Nun? .  .  .  Er, schmerzlich, lächelnd, Schreibt man denn Biographien?– – Ich: Goethe, Hebbel.– »Hebbel – war das nicht so ein mürrischer alter Mann?« .  .  .  Und übrigens, in Biogr. steht nur immer über die Verhältnisse, die man gehabt .  .  .  Oder Biogr. sagen entweder: Seht her, so liebenswürdig war ich – und man hat mich so geliebt, oder: So liebensw. war ich – und doch hat man mich so gehasst!

Colossaler Einfluss Sören Kierkegaards.– Ibsen anfangs so, dass wir sagten: er solle doch endlich Ibsen schreiben, nicht immer Sören Kierkegaard.–

Poët .  .  .  Das ist ja so gleichgiltig – Persönlichkeit!–

Glauben Sie denn an Übersetzungen –? Wir haben eine so herrliche Literatur.

Der argentin. Oberst neben ihm bei einem Diner, wunderschön. Vous parlez de moi –?– Non. »Ah – j’entends le mot splendide – et quand j’entends les mots splendeur ou splendide – je crois toujours, qu’il s’agit de moi –« Br. war davon sehr entzückt; der Oberst schickt ihm dann noch seine Photographie – in Angst, Br. könnte seine Schönheit vergessen.–

– Von neulich noch, das Verhältnis Ibsens zu seiner Frau, die ihn quält .  .  .  O elle est terrible – et naturellement, c’est elle qui a toujours raison .  .  .  L’artiste, il a beaucoup pensé, beaucoup lu, beaucoup couché avec les femmes – et cette femme, elle n’a jamais lu, jamais couché avec les hommes, jamais pensé –

Über Daudet, der nie von seiner Krankheit spreche und tief verletzt war, als im Tagebuch Goncourt darüber veröffentlicht war.–

Paul und ich blieben noch nach Nansen und Frau Weggang mit Brandes im Kfh.–

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1893–1902 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Konstanze Fliedl, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1989
1 Bahrs letzter Artikel über den düstern Shakespeare Zwei Texte Bahrs beschäftigen sich mit Brandes’ voluminöser Studie William Shakespeare (Paris, Leipzig: Albert Langen ), die in zwölf Einzellieferungen ab 1895 erschien und seit kurzem vollständig vorlag. Zuerst Der düstere Shakespeare ( Die Zeit, Bd. 8, H. 92, 4. 7. 1896, S. 12–13), dann, nach einer Antwort von Alfred von Berger ( Der düstere Shakespeare, H. 93, S. 27–28), Othello, erschienen am 4. 8. (H. 96, S. 76–77).
2 Artikel Hermann Bahr: Loris. In: Freie Bühne, Jg. 3, H. 1, 1. 1. 1892, S. 94–98.