Tagebuch von Arthur Schnitzler, 7. 8. 1904

7/8 S. Vm., in der immer gleichen Hitze (was für ein Sommer heuer! schön eigentlich) mit O. Dornbacher Park, Rohrerhütte (wie immer jetzt z. Th. mit dem Fiaker von Julius).–

Nm. 2. Akt Neue Ehe begonnen.–

Den Marsyas (Correctur, von Bahr geschickt) zu Ende gelesen, und anschließend daran Notizen geschrieben, eine graphische Erklärung den Unterschied zwischen Künstler und Literaten betreffend, gefunden, die mich sehr beruhigte.–

Bahr Abend da, lang mit ihm und O. auf dem Balkon, dann Türkenschanzpark – Über den Marsyas; Literaten, Künstler; er fand dass nach meiner Definition Hugo der typische »Literat« sei, ich konnte aus meiner Graphik das Gegentheil beweisen.– Weiteres über Hugo: Er .  .  .  Ein Mensch, der das Gesicht seiner Frau nicht kennt .  .  .  Ich: Nein. Er wird vielleicht einmal etwas schreiben; aus diesem Werk wird ihm eine Gestalt entgegentreten,– es wird seine Frau sein, so scharf umrissen, als hätte er sie ein Leben lang studiert. Menschen dieser Art sehen gerade so gut wie andre – aber sie bewahren die Sinneseindrücke sofort, oft, in irgend welchen Tiefen, von wo sie zu rechter Zeit (Production) hervorgeholt werden – und wären wir im Stande, in eine solche Seele bis in jeden Winkel hinein zu leuchten, so würden wir sehen, dass alle Eindrücke bewahrt sind – Landschaften, an denen sie anscheinend vorbeigegangen sind, ohne sie zu sehen;– Vergleich mit den Hysterischen, die im Anfall eine Sprache sprechen, die sie vor 10 oder 20 Jahren ohne sie zu verstehn (als Stubenmädchen eines Gelehrten) gehört haben.– – Über Trebitsch, inwiefern er über seine Talentlosigkeit aufzuklären wäre.– Bahr war jetzt mit ihm in Bayreuth .–

Die Sandrock, die im nächsten Jahr ans Jubiläumstheater kommt – und jetzt in Ischl die Carmen und Gretchen singen soll?–

Bahr wußte vom Antrag Benedikts 1 an mich – wer hat es verbreitet?–

Bahr’s letzter Besuch bei Herzl in Edlach , 8 Tage vor seinem Tod.– Wie sie (beide von Ortner zum Tod verurtheilt) darüber scherzten, wer früher fort müsste .  .  .  Das seltsamste (nicht neue): Dieser Mensch (wohl bedeutend zu nennen, Weltruhm, Staaten gründen wollend, von Millionen beweint, da er starb – Juden in Odessa sperrten die Geschäfte, wie die Todesnachricht kam – wurden von Kosaken aus der Synagoge getrieben) – dieser Mensch sprach an diesem Sonntag, eigentlich mit dem Tod vor Augen, hauptsächlich davon wie ungerecht es sei, dass er, ein Künstler 1. Ranges, als Künstler 2. Ranges gelte, das müsse revidirt werden – war geärgert, dass der – König Harlekin von Lothar überall gespielt werde – und sein letztes Wort,– nachdem sie, Bahr und Herzl sich lang, die Hände in einander – ernst zum Abschied angesehn (»Es ist doch gut, daß Leute wie wir am Ende wissen, wie sie zu einander stehn«) sein letztes scherzendes Wort war: »Sagen Sie Lothar, es geht mir glänzend, ich werde 70 Jahre alt –«

– Über Altenberg. Seine »Freunde« veranstalten eine Versammlung, wie ihm zu helfen sei (Krankheit, Noth) – er selbst wohnt bei. Plötzlich, nach verschiedenen Reden steht Frau Loos, früheres Frl. Obertimpfler, hübsche Schauspielerin auf und sagt: .  .  .  »Man soll ihm gar nicht helfen .  .  .  Es ist schön, wenn solche Leute jung sterben .  .  .  u. s. w.« Da ergrimmt Peter Altenb. und schreit. »Ich will aber nicht sterben, ich will leben .  .  .  etc.« (Kostbare Scene für das »Literatenstück«.) –

Sein Brief an Hugo 2 nach der Elektra, nach dem absprechd. Feuilleton 3 von Goldmann, endend. »Ein Jude kann dieses Stück nicht verstehn .  .  . « Er selbst Jude, Hugo von jüd. Abstammung, der Direktor ein Jude, die stärksten Lober Juden – Irrsinn des Antisemitismus .  .  . 

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1903–1908 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1991
1 Antrag Benedikts A. S. Tb 9. 7. 1904 : » Benedikt (Herausgeber der N. Fr. Pr.) Nm. bei mir. Antrag, ich solle in ein festeres Verh. zur N. Fr. Pr. treten: 2 Feuilletons monatlich, jedes Feuill. zu 400 Kronen!– Besprechung allwöchentlich in der Redaction.–« Schnitzler sagte am 20. 7. ab.
2 Brief an Hugo Altenberg an Hofmannsthal, zwischen 26. und 29. 11. 1903, abgedruckt in Hugo von Hofmannsthal: Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe. Frankfurt am Main: S. Fischer 1975[2016], VII. Band: Dramen 5. Hg. Klaus E. Bohnenkamp und Mathias Mayer. (1997), S. 389–390. Vgl. H. B.: TSN III,412.