Tagebuch von Arthur Schnitzler, 14. 1. 1906

14/1 S. Früh ½ 9 erscheint der kleine Ehrenstein; verstört, blass. »In allen Zeitungen steht über mich. In Ihrer Nov. Weissagung komm ich vor – .  .  . in der gestrigen Feuill. von Otto Ernst.–« .  .  . Ich bin eilig – muss zu einer Verhandlung.– »Ich weiss, über mich .  .  . « .  .  . Ich lege ihm die Hand auf die Schulter: Ich denke, Sie haben einige Sympathie für mich, vertrauen mir.– »Ja, Sympathie und doch Antipathie .  .  . « .  .  . Gehen Sie ins freie, dann nach Haus .  .  .  »Zu Haus erschießen sich alle Leute .  .  . « u. s. w.  .  .  »Ich bin eine Incarnation des Dionysos .  .  . « Er ging; ich wollte anfangs was unternehmen – aber Eile und Leichtfertigkeit hielten mich ab.–

In die »Concordia« – Verhandlung gegen Salten und Ludaßy 1 sollte stattfinden. Sprach Salten, Ludaßy, Olga Ludaßy; Buchh. Stern (über Freund etc.), Sternberg (Weissagung, Benedikt), Rob. Hirschfeld ( Weissagung 2, Bruckner), Lothar (Harlekin in London ), Bahr (Münchner Angriffe) und x andre.– Verhandlung vertagt.–

Ins Josefst. th. Jarno, Hr. und Frau Hochsinger. Über die projektirte Vorstellung. (Wurstl.) Mit Jarno über allerlei, was man dazu geben könnte.

Zu Mama. Olga, Heini. Hr. und Frau Egger zu Tisch. (Über die Sommergesellschaft in Mauls , Baronin Hamar, den Biographen Eisenberg etc.) Mit Mama die Nußknackersuite von Tschaikowski

Kaum zu Hause erscheint weinend Mutter Ehrenstein; der Sohn in Neustift aufgegriffen; bittet mich zu ihm, den sie von der Wachstube nach Haus gebracht. Mit ihr in die Ottakringerstraße. Der Vater (Kassier bei Kuffner); brave, zertäpschte Judenfamilie; Mutter sehr dumm.– Der Junge im Bett, ruhig, erzählt mir, wie ich ihn in die Natur geschickt, überall Menschen, Glockenläuten, Hahnenschreie, Raben aufgeflogen,– er sei sich wie Dionysos erschienen etc.; besteht darauf, dass er Marco Polo (in der Weissagung) – (Ich: als ich es schrieb, hab ich Sie noch nicht einmal gekannt – er: »unterirdische Verbindungen« .  .  . ) – Er redet allerlei witziges, verrücktes, kluges, dissimulirt.– Ich gebe Ratschläge (Aerzte, Anstalt) und gehe.–

Abd. Salten’s bei uns. Er hat nun die Klage gegen L. überreicht.– Vorgestern war er bei Hugo, der ihm einen ganzen ausgebreiteten Plan der von ihm (S.) einzugehenden Verbindungen entwarf.– Photographien angeschaut, ihm und ihr etliche gegeben.– Auf meine schrieb ich ihm »M. l. F. S. nach 15 Jahren für alle weitern in Freundschaft herzlichst A. S.« – Unsre Beziehungen sind sehr seltsam gewesen; mein Unrecht gegen ihn in früherer Zeit war oft, dass ich das missliche seiner äußern Verhältnisse zu wenig regardirte.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1903–1908 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1991
1 Verhandlung gegen Salten und Ludaßy Salten hatte wegen Ehrenbeleidigung die Interessenvertretung der Schriftsteller Concordia angerufen, die sich allerdings für nicht zuständig erklärte; es folgte eine Klage bei Gericht ( Wiener Montags-Journal, Jg. 24, Nr. 1245, 18. 12. 1905, S. 3).
2 Weissagung Arthur Schnitzler: Die Weissagung. Erzählung. In: Neue Freie Presse, Nr. 14850, 24. 12. 1905, Morgen-Blatt, S. 31–38.