Tagebuch von Arthur Schnitzler, 6. 2. 1919

6/2 Träume: O. und ich in einem See, O. von den blauen Wellen nixenhaft geschaukelt;– wir wollen uns verbergen – oder nur vor einem Besuch verleugnen lassen;– Wucki sagt (vom Ufer her?) man sehe uns doch – Frau Hellmann (?) wolle uns besuchen; auch ertönt irgendwie aus der Luft eine Stimme eines Hoteldirectors – als sei er uns auf der Spur;– wir laufen nun ein Ufer entlang, fremdartig, an einem Riesensee – gablig getheilt – fern Landungsbrücke, Gewühl verkleinert;– ich mahne zur Eile, ich sei bekannt, O. meint, hier nicht, es sei ja Märchenland; ich schlage vor, daß ich sie am Ende des Sees erwarte, mit Kleidern – sie solle hinschwimmen;– plötzlich vor einem Wirtshaus am See, eine Portion Café wird vorbeigebracht, ist noch einer da? Ja; ich lasse nun mir und meinen zwei Reisegefährten, der eine ist der Opernsänger Schrödter (in jungen Jahren), der andre überhaupt gestaltlos, 3 Cafés, und zwei Marillentorten geben, theile die eine mit Schr., worauf ich stolz bin. Nun kommt’s zur Verrechnung,– als hätt ich Mark in Kronen umzurechnen; 85 Kronen hab ich Schr. zu bezahlen; Andeutung als hätte ich bei der Umrechnung gemogelt; ich wehre ab, gebe 20 Kronen darauf: »Schenken Sies einem Bettler –« Schr. beharrt irgendwie darauf, daß ich gemogelt hätte; ich erbittert, großartig: Nur der Umstand, daß wir hier sitzen, veranlasst mich Sie nicht zu behandeln – wie Sies verdienen! Und wache auf. (85 – O. zahlte gestern an Jessie ihre Gage in diesem Betrag;– SchrödterSonnenfeld zeigte mir die Unterschrift eines Herrn aus der Prein (wo Schr. früher ein Gut hatte).–) Weitre Träume. Bin beim Fürsterzbischof Piffl – im Hofstallungsgebäude – etwa wie Vorzimmer Intendanz – er in braunem Saccoanzug; sieht aus wie Benedikt von der N. Fr. Pr.– nur civilisirter (gestern So.: Der Hass gegen Benedikt ist pathologisch – er ist geradezu in Lebensgefahr!);– was ich mit ihm spreche, weiß ich nicht mehr; bald darauf (nach irgend einer Sache, die benachbart im Volksth. vorsichgeht – was?) – bin ich wieder bei ihm; er ist nun ein wenig im Ornat; im selben Saal Hugo – in Jaegeruniform, Bahr (kaum sichtbar) – und Mell (?); das Gespräch im Gang – Piffl bemerkt (ungefähr). Aber Sie haben doch behauptet daß ich nicht ordentlich schreiben kann. Ich führe das irgendwie auf ein Mißverständnis zurück, aber finde – er habe die Pflicht, sich zu den Pogroms vernehmen zu lassen, spreche von dem Graun, das durch die Pogr. in die Welt komme, und das schon meine Jugend vergiftet habe. Selbst ergriffen von meinen Worten weine ich, Piffl erhebt sich, streichelt meinen Bart und sagt. Sie sehen aber noch so jung aus! Gleich darauf bin ich auf der Straße (Landesgerichtsstr.) bei O., erzähl ihr das Gespräch und bemerke: Hugo und Bahr haben natürlich nicht das Maul aufgemacht!– Ich träume ferner von einer zufälligen Begegnung mit Adele K., wundre mich daß sie nicht in Trauer, besuche ihn, er wohnt in einer Art Kuppelsaal über dem Zimmer, das seine verstorbne Tochter bewohnt hat.– Verirre mich in Berliner Straßen, Friedrichstraße – orientire mich am Centralbahnhof.–

Vm. Besorgungen.– Bei Dr. Karolyi.–

Bei Harz (Hotel Wandl). Zeigt mir zehn Bildskizzen zu einer ev. Luxus Ausgabe Reigen, die ich ablehne;– Einbände zum Reigen.

Nm. Tgb. 94 weiter.–

Las Abends zwei Mscrpt. des Hrn. Smetana, ziemlich hoffnungsloser Fall.–

Heini, noch bettlägerig, liest »Weg ins freie«.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1917–1919 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1985