Tagebuch von Arthur Schnitzler, 22. 1. 1922

22/1 S.– Schöner Wintertag. Mit V. L. und Franzl Neuwaldegg Park,– nach SalmannsdorfSommerhaidenweg. Ganz plötzlich (nach Gesprächen allgemeiner Natur und über O.) sprach sie über früher nur angedeutetes mit ziemlicher Offenheit, so dass ich auch den Namen vermuthen konnte; weinte;– es sei aus, aber innerlich doch nicht ganz; dabei wisse sie, unter ihrem Niveau .  .  . – So wenig neu und überraschend mir das war; irgendwo verletzte es mich ein wenig.– Man bleibt immer gleich dumm – wird vielmehr immer noch dümmer .  .  .  Wir sprachen viel über AurelieFalkenier; sie sagte kluges.

Nm. vertrödelt;– am Verf.

Zu Alma;– Gesellschaft, ich ging wieder, kam nach einer Stunde wieder. Olga allein – wie sie auf dem Sofa saß, vor sich hin, hatte sie etwas rührendes .  .  .  Sie sprach gleich ärgerlich über die Kinder wegen ihres »schlechten« Tones gegen Wucki, übertrieb gleich und wiederholte sich in ihrer Weise; ich fühlte gleich – nein – ich kann nicht mit ihr zusammenleben. Dann citirte sie einen Unsinn (vielleicht mißverstanden), von Bahr,– das Leid sei gleich vertheilt auf Erden, jeder eigentlich habe das selbe zu tragen;– Aphorismen, die mich krank machen, was ich nicht verhehlte; wir nachtmahlten dann, auch Alma und Werfel;– aus allem, jedem Wort, jeder Geste,– auch aus den ungeschickten: Ich will zurück.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1920–1922 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1993