Tagebuch von Arthur Schnitzler, 20. 7. 1922

20/7 Früh schlechtes Wetter. Herum mit H. K.; über das gegenseitige Mißtrauen. Wie meist verstehen wir uns nach einer Stunde ganz leidlich. Fahre Breitenstein , H. K. weiter Semmering; um nach dem Essen wieder nach Wien zu fahren. Ich zum Orthof, speise dort; zu Alma M.; Werfel, und Hofr. ;– werde sehr herzlich begrüßt.– Nm. plaudere ich mit Alma. Sie bekommt viel Briefe von O., die nicht ganz echt im Ton klingen,– sie stellt sich »glücklicher« an, als sie sich offenbar fühlt. Alma begreift meine Einstellung – ist trotzdem überzeugt, dass wir »einmal« wieder zusammenkommen.– Mit Werfel schönen Abendspaziergang zur Kreuzbergwarte. Erzähle von meinen Stücken, auch von dem Josefsplan. Er von seinem Leben hier oben – insbesondre von der Einsamkeit im Winter, der fast unerträglichen Concentration, den Depressionen.– Auf der Warte (die ich zum ersten Mal sehe). Über den Schwindel; meine Theorie vom Raum-, Zeit- und Causalitätsgraun (vom »Graun« Kaufmann’s ausgehend). Wunderbare Landschaft.–

N. d. N. phantasire ich Clavier;– »Bach«, Walzer (auch meine alten) – Alma und die andern sind frappirt – hatte auch wirklich hübsche Einfälle.– Alma spielt dann Puccini Manon, Traviata 1;– wir reden von Mahler, sie spielt allerlei Themen aus seinen Symphonien. Ich spreche wieder mein Entzücken über die Melodienfülle und den Schwung aus. In Deutschland, sagt Alma, hat M. jetzt wieder eine schlechte Zeit;– aus nationalistisch antisemitischen Gründen vielfach.– Wir reden über das Treiben in Deutschland;– die Mordliste, auf der auch Einstein steht.– Die Atmosphäre der Gegenwart,– die Haßwelle,– der Contrast zur Libido.– Über Kraus (sein neues Heft 2 mit Angriffen auf Werfel, Hofrätin, Hugo, mich, Bahr etc. etc.) und seine Jünger;– über Psychoanalyse und ihre Gefahren; anekdotisches und allgemeines. Bis Mitternacht. Die Hofrätin. Warum gibt’s in Wien nie solche Stunden3.– Über Strauss’ Feindschaft gegen Mahler (ich glaube hier sieht Alma nicht ganz richtig; glaube nicht, dass er gesagt hätte »M. ist eine Wiener jüdische Affaire, die uns nichts angeht«).

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1920–1922 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1993
1 Traviata Von Verdi.
2 neues Heft Die Fackel, Jg. 24, H. 595–600, Juli 1922 .
3 in Wien nie solche StundenEr ist im Orthof in Breitenstein am Semmering.