Hermann Bahr: [Notiz zu einem Novellenstoff], [Frühjahr 1895?]

Die große Novelle müßte dieses Problem unternehmen:
» Der moderne Mensch stellt, biologisch, einen Widerspruch der Werthe dar .  .  .  .  .  Wir alle haben, wider Wissen, wider Willen, Werthe, Worte, Formeln, Moralen entgegengesetzter Abkunft im Leibe – wird sind, physiologisch betrachtet, falsch .  .  .  Eine Diagnostik der modernen Seele – womit begänne sie? Mit einem resoluten Einschnitt in diese Instinkt-Widersprüchlichkeit, mit der Herauslösung ihrer Gegensatz-Werthe, mit der Vivisektion vollzogen an ihrem lehrreichsten Falle. 1«

Das illustrieren an dem Falle DillyThuri. Die Bajadere2. Sie hat von Natur das: nur dem momentanen Triebe folgen; aber sie schämt sich u. ist zerknirscht. Er predigt, daß man sich jedem Gebot der Leidenschaft mit Unschuld, mit gutem Gewissen hingeben soll; und geberdet sich bei der ersten Prüfung wie ein romantischer cocu (Duell usw)

  • A Wien Theatermuseum HS VM 1774 Ba. Datierung aufgrund früherer und späterer datierter Einträge.
  • Weiterer Druck: 1891–1900 Bearbeitet von Helene Zand, Lukas Mayerhofer und Lottelis Moser 1996 184 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 II
1 Der moderne Mensch stellt, biologisch, einen Widerspruch der Werthe dar Wir alle haben, wider Wissen, wider Willen, Werthe, Worte, Formeln, Moralen entgegengesetzter Abkunft im Leibe – wird sind, physiologisch betrachtet, falsch Eine Diagnostik der modernen Seele – womit begänne sie? Mit einem resoluten Einschnitt in diese Instinkt-Widersprüchlichkeit, mit der Herauslösung ihrer Gegensatz-Werthe, mit der Vivisektion vollzogen an ihrem lehrreichsten Falle. Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem. 2. Auflage. Leipzig: C. G. Naumann 1892, S. 57 (Epilog).