Aufzeichnung von Hermann Bahr, 19. 7. 1903

19. »Psychose des Vierzigers«.

Heiß, schön. Später angenehm windig.

Gratulieren: Hugo (ich hätte den Schlüssel, sein Wesen aufzusperren), Salten, Haberfeld, Specht, Jarno-Niese, Fred, Pepi Wagner, Mareia, Anna Carl, Julius Bauer.

Schnitzler bringt mir sein Bild.

Bukovics.

Lese Balzac, contes drolatiques, die Geschichte von der Gräfin d’Armagnak

Vollmöller leidet offenbar an einem falschen Verhältnis zum Wort.

Dialog vom Laster1

Denke an »Dialog vom Eros«. (Vielleicht: »Dialog vom Magier«)(Oder: die Freundinnen) Erziehung des »großen Moments« Candida, die Arglose. Wie ich als Kind eigentlich gewesen sein mag, weiß ich nicht zu sagen. Meine Kindheit ist mir ganz entsunken, ich kann mich an nichts erinnern. Als ich aber, zehn Jahre alt, zur Schule gegeben wurde, weil mein Vater, der sehr wohlgesinnt, aber kaum ein Psychologe war, meinte, daß mein scheues u. verschlossenes Wesen der Aufmunterung durch Verkehr nicht länger entraten könne, da fing eine schreckliche Zeit für mich an. Torpeur. Förmlicher Starrkrampf. Sie wird tückisch. Zerstören. Thiere quälen. Menschen kränken. Wenn die junge dicke Magd an dem am Ofen kniet, um einzuheizen, hatte ich das Bedürfnis sie hineinzustechen. Daran erinnere ich mich noch ganz genau, noch heut überfällts mich manchmal im Schlaf. Sie fischt leidenschaftlich, läßt die Fische an der Angel zappeln. Einmal schneidet sie einem großen Hecht die Augen aus. Dabei katholisch erzogen, furchtbare Reue, Angst vor der Strafe, vom Teufel besessen. Ich hatte wol Lust dazu, aber keine Freude daran. (Aber Freude daran, nein, hatt ich!) Lernt die Tochter eines Offiziers kennen, ein langes hageres Mädchen, dreizehn, aber weit über ihre Jahre hinaus geschossen,– ihr unheimlich mit ihrem großen abscheulichen Mund, den sie lachend aufzureißen liebt, und so frechen Augen, daß ich sie nicht ansehen konnte: denn sie schien mir alles zu wissen.

In den See gebaut, eine Brücke für die Zufahrt der Dampfschiffe. In einem kleinen Boot. Durch Schaukeln ängstigte sie mich oft furchtbar, ich verschwor es mitzufahren, es reizte mich aber doch immer wieder. Wenn es nun gegen Mittag zu heiß wurde, trieb sie den Kahn gern unter die Brücke, wo sie mir dann, leise flüsternd, grauenhafte Geschichten, immer von Mädchen, die geliebt, aber verlassen worden waren u., aus Furcht vor der Schande, ihr Kind umbringen mußten. Eines Tages: »Willst Du, soll ich Dir zeigen, wie man glücklich wird? Dazu brauchst du nemlich gar keinen Mann. Ich werd’ Dirs zeigen.« Und sie bog sich zurück, den Mund aufreißend, schlug die Füße auf den Sitz, hob ihr Kleid auf u. indem sie mit der nassen Zunge über ihre Lippen fuhr, tat sie sich glücklich. – Schreit auf, stößt das Schiff ab, die andere stürzt, fallen ins Wasser. Ich lag Stunden lang, heftig erbrechend. In jenen Stunden habe ich gemeint, die Welt versinken zu erleben. – Furchtbare Qual, wie die Fanny dann mit Vorliebe am Tische eine Bewegung der Finger macht, die den anderen nur kindisch absurd Vorkommen mochte, die aber ich allein in ihrer abscheulichen Bedeutg verstand. Und damals bemerkte ich, wie mein strenger Vater, der sich sonst ganz fern hielt, mit einem bösen Leuchten der Augen, das ich niemals an ihm gesehen hatte, der Fanny zusah, die frech seinen ruchlosen Blick ertrug, ja noch aufzumuntem schien. Furchtbare Tage, bis ich endlich, nachdem ich schlaflos gelegen, dem verderblichen Beispiel gehorchte u. eine Lust empfand, die mich nun erst begreifen ließ, warum die Menschen leben.

Von da an war es mir ausgemacht, daß ich solche Momente mit allen Opfern erkaufen müsse. Zwei Racen von Menschen: die die das einmal erlebt haben u die anderen. Schildrg des Moments: die große Ruhe, die große Klarheit u.: Nun wußte ich erst, was ich bin. Zugleich Entschiedenheit ihres Willens, Abgrenzg ihrer selbst und doch Güte. Nun war ich selbst erst aus mir heraus geholt.

Wie sie Thierbändigerin wird. Schachspielerin. Mathematische Begabung.

Meine Moral ist: alles auszuscheiden, was mich hemmt, solche Momente zu erreichen; alles zu hegen, was mir dazu hilft. Danach teile ich Gut und Böse ein.

Hebbel ist ihr Lieblingsdichter, den sie als Menschen (immer Bettler, ausgehalten, in einem ganz absurden Verhältnis zu sich selbst) verachtet.

Das Hören von Stimmen.

Klimt. Angela von Foligno.

Ich hab auch das erzält, diese Geschichte von meiner ersten »Sünde«, damit ihr mich kennt, denn nun wißt ihr eigentlich mein ganzes Leben: es ist immer nur Wiederholg gewesen. Dieselbe Tücke – dieselbe Seligkeit.

Auch ein Mann muß dabei sein, der im Scherz der »greise Wüstling« genannt wird. Vierziger. hat sich »zur reinen Anschauung« durchgerungen. Oswald u. Dr Kank nennt er »seine Vettern«. Es ist aber nur Pose.

Die »Geschwitz« bringt die Briefe. Die Kleine ist unglücklich, diese Beteuergn einer wütenden Leidenschaft zu lesen. Tanthe amüsiert sich eine Zeit an ihrer Qual. Dann: »Närrin! Gerade in diesem Falle habe ich gar nichts empfunden. Eben darum schrieb ich ihm so, weil ich ihn in eine sehr große Raserei bringen mußte, um mich an ihm anzuzünden.«

Shelley – Tauchnitz

Lukian Langenscheidt

Lucinde

Carl Schenkel Halle

Langen

  • A Wien Theatermuseum HS VM 1765 Ba
  • Weiterer Druck: 1901–1903 Bearbeitet von Helene Zand und Lukas Mayerhofer 1997 345–347 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 III