Aufzeichnung von Hermann Bahr, 1. 8. 1903

1/8 Regen.

Der Fall des Dr Isidor Balsam ist ganz parallel zur Nessel. Balsam, armer Teufel, hat einen Posten in einem Spital zugesagt bekommen, aber erst in drei Monaten, weiß nicht wovon er einstweilen leben wird, da hört er, daß Nonn einen Assistenten sucht, bietet sich ihm für drei Monate an und wird nicht mehr fortgelassen. »Was wollen Sie im Spital? Da werden Sie höchstens verdorben. Ich kenne die Herren.« Ja aber er könne sich doch allmälig Bekanntschaften und Verbindungen schaffen, um dann an eine eigene Praxis zu denken. »Unsinn! Dazu taugen Sie nicht. Sie sind eine unselbstständige Natur.« Er redet ihm ein, überhaupt kein »Mann der Praxis«, sondern »theoretisch« begabt. Er hat nemlich den Plan, Balsam solle, was er in der Anstalt sieht, in ein wissenschaftliches »System« bringen und was er selbst eigentlich nur instinctiv, blos durch seine glückliche Hand, vollbringt, theoretisch »commentieren«. Balsam fühlt das als eine hohe Auszeichnung, obwol er dazu gar nicht paßt und dies auch wol dunkel fühlt: »er überschätzt mich, er überschätzt alle Menschen, er dichtet allen seine eigene große Begabung an.«

Um ½ 12 gebadet. Esse im Axelmannstein.

Scene NornaNonn. Sie will gleich fort. Er, verwundert, nicht schmerzlich: Eilig hast Dus. Sie, lauernd: Ich sehne mich nach ihm.  .  .  .  .  Mir ist ja, als würde ich nun erst wirklich zu leben beginnen .  .  .  .  .  .  »Verzeih, ich will Dich nicht kränken.« Das ist das Stichwort, auf das er sich ermannt. Nun trotzen sie beide. Die Scene muß von da ab gehen, als hätte jeder eine geladene Pistole in der Hand. Er wiederholt seine Lieblingswendgn: »Nur keine Sentimentalitäten«! Sie sieht ihn einmal scharf an: »Welche Mühe Dich das kostet!« Ein andres Mal: »Dein Lachen gefällt mir nicht. Es ist sonst viel leichter.«

Nachdem sie ab ist, kommt Kokoro. Nonn klingelt dem Diener: »Die Anny soll mir einen Grog machen. Sehr heiß.« Diener ab. Nonn, zu Kokoro, aber beiläufig, unwichtig: Ich muß mich verkült haben. (lustig) Denken Sie sich, Kokoro! Meine Frau geht weg. Wissen Sie schon? (Er wartet immer, daß Kokoro etwas sage. Da dieser schweigt, redet er immer wieder weiter. Kokoro schweigt consequent und wechselt nur in einem fort die Stellung, bald hier, bald dort kauernd) Nehmen Sie sich ein Beispiel. Kein Mord, kein Tumult, nicht einmal Tränen – so machens vernünftige Menschen. Sie haben Glück, kleiner Japaner : Sie haben das erste Menschenpaar gesehen, wirklicher Menschen, die das Thier überwunden haben.

Wie Kokoro dann sagt: Und da geht sie einfach weg, nach zehn Jahren?!, fängt Nonn sie heftig zu verteidigen an: »Recht hat sie .  .  .  .  .  .  Ich hätte ihr geraten, Sentimentalitäten zu machen .  .  .  .  Nein, Gott sei Dank, das ist nicht möglich. Daran erkennt man meinen Einfluß.« Dann geht er auf den Fall selbst ein, mit Humor darlegend, was er ist und was der Graf ist, woran man sieht, wie die Frauen sind – so gut kann man sich in der Welt unterhalten, wenn man zuschaut, wie der liebe Gott.

Um drei nach Salzburg gefahren, treffe Fred, Trebitsch, Dörmanns. Mirabell, Stadt, Petersfriedhof, Peterkeller. Trebitsch copiert viel Lothar (»Was Neues? Was noch? .  .  .  Und was noch?«) und erzält Herzls hübsches Wort, auf Schnitzlers ärgerliche Bemerkg, daß er immer »herablassend« sei: Ja, herablassend nach oben.

Hin u. zurück fahren immer: the hound of the Baskervilles.

Es hat sich allmälig aufgeheitert, schöner Abend; nachts, der Weg durch den Wald, wo die Stämme so unheimlich stark scheinen, und der in der Finsternis weiß glitzernde Pfad, und das Rauschen von der Saalach her – wunderschön.

Merkwürdiger Brief der Eysoldt. Ihr graues Siegel hat die Inschrift: Verlange viel, das ist mein Stolz!

  • A Wien Theatermuseum HS VM 1765 Ba
  • Weiterer Druck: 1901–1903 Bearbeitet von Helene Zand und Lukas Mayerhofer 1997 359–360 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 III