Aufzeichnung von Hermann Bahr, 2. 8. 1903

2. August Schöner Morgen.

Erhalte vom Tagblatt 1040 Kronen. Rechne nach: seit Sonntag 3 Uhr, wo ich Salzburg verließ, bis heute früh 100 Mark ausgegeben. Allerdings felt noch die Rechnung fürs Zimmer.

Rückblickend: diese erste Woche war sehr gut, lange habe ich mich nicht so reich und innerlich bewegt gefült.

Gebadet. Beim Weg hinab denk ich an meine Vorlesungen, zu welcher die erste Conference (vor »Reigen«) so anzukündigen wäre: »über die Notwendigkeit, wieder etwas frecher zu werden«. Reif sein ist sehr schön, aber man kommt damit in Wien nicht durch. Bei wilden Völkern, wie die Wiener sind, ist Cultur nur mit der Peitsche zu machen einzutreiben. – Ich gestehe ein, einen taktischen Feler begangen zu haben. Als wir begannen und die alten Herren, die Schatzhüter der Talentlosigkeit, vom im panischen Schrecken, klein beigaben, hatte ich Erbarmen mit ihrer Hilflosigkeit und wie ich sie so zerknirscht sah, dachte ich, es sei wirklich unnötig, sie noch weiter zu ängstigen, sie würden schon Ruhe geben, und mehr als Ruhe hatten wir nie verlangt, Ruhe vor albern höhnischen Angriffen und das Recht, uns auf unsere Art auszuleben. Sie aber deuteten das falsch und legten es aus, als wären wir verstummt, seit wir den großen Namen und die sichere Stellung erreicht. Ich pfeif aber auf den großen Namen und die sichere Stellung. Ich will, daß das, was mir für schön gilt und auf mich als schön wirkt, unser Leben beherrschen soll. Und geht das nicht in Ruhe, so soll es wieder mit Lärm geschehen. Ich haben Frieden und Krieg in meiner Toga. Und Krieg ist mir lieber, weil ich schon in den Jahren bin, wo man Bewegung braucht, um nicht zu verfetten, und es wird mir sehr gesund sein, wieder ein bischen Motion zu machen. Dies will ich diesen Winter tun.

Digression auf das »Schweigen der Gebildeten«. Sie sündigen im Vertrauen auf die Unlust, die jede vornehme Natur haben muß, sich mit solchem Gesindel herumzuschlagen, und auf die recht östreichiche Neigung der Guten, sich still abseits zu halten. Dadurch ist unsere Politik so herabgekommen, weil kein anständiger Mensch nicht mehr mittun will. Nun das geht mich nichts an. Ich will nur dafür Sorgen helfen, daß, wenn die äußere Form der hier lebenden Menschen zerbricht, doch, was wichtiger ist, das innere Wesen bewahrt, gerettet werden soll. Unser geistiges Leben soll nicht von den Mediocren dirigiert werden. So lange ich noch in Wien bin, wird dies nicht geschehen, verlassen Sie sich!

Zum »Meister«. Der Japaner lebhaft u. behend wie ein Aff. Seine bewegliche Miene verräth jeden Gedanken: bald mit breitem Munde über das ganze Gesicht lachend, bald tödtlich erschrocken. Sein liebes Lachen, indem er den ganzen Körper beutelt. Reagiert rapid auf alles. Entweder, Hände reibend: O das ist fein! .  .  .  O das ist gut, sehr! Oder, mit dem Zeigefinger drehend: Das ist falsch, bitte.

Nonn sagt im ersten (gleich zum Bruder) und im zweiten (bei Idas Verlobung) Akt je einmal: »Gemütstöne hab ich nicht.« Im dritten gibt es ihm Beryl zurück: »Gemütstöne hast Du doch nicht! Plag Dich nicht!«

Mit Fred u. Trebitsch im Achselmannstein gegessen, dann nach Berchtesgaden , Kathi Rosen verfehlt, zurück. Sehr heiß. Abends zieht sich ein Gewitter zusammen. Ich gehe ziemlich schnell durch den stockfinsteren Wald, hinter mir machen drei betrunkene Radfahrer, ihre Räder schiebend, einen Höllenlärm; wenn es blitzt, scheint der ganze Wald plötzlich im Feuer zu stehen. Ich trinke dann noch, atemlos, verschwitzt, während es um das Haus donnert u. blitzt, ein paar Krügel, the hound of the Baskervilles auslesend. Zum »Dialog vom Laster«, ein Kapitel, daß die Erregung des anderen der höchste Genußfactor sei. Jene »Geschwitz«, eine Engländerin, als Lehrerin in einem katholischen Kloster gänzlich depraviert, hat sich in Brigitte (so irgend ein braver Philistername ist zu suchen) verliebt u. schleicht um sie herum. Der Graf, damals noch gesund, bildschöner großer Cavallerist von der Garde, aber auch um Brigitte bemüht, die ihn rasend macht, indem sie, mit den anderen gar nicht spröd, wie er weiß, sich (um ihn zu excitieren) nur gerade ihm versagt, macht sich über die Engländerin und ihre klägliche Leidenschaft sehr lustig. Dies bringt sie auf die Idee, beiden zusammen eine »Probenacht« zu gewähren, »um die Wette«. Der Graf »gibt das Rennen auf«. Für ihn ist nemlich die Erregung der schlotternden, hysterisch mit den Zähnen klappernden, den Kopf zurückschlagenden Engländerin so kurios, daß er über dem mehr pathologischen Interesse zum ruhigen Zuschauer wird. Hier schließt sich auch das Thema an, daß Häßliche more exciting sind, weil Schönheit die Sinne eher bändigt.

  • A Wien Theatermuseum HS VM 1765 Ba
  • Weiterer Druck: 1901–1903 Bearbeitet von Helene Zand und Lukas Mayerhofer 1997 360–362 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 III