Aufzeichnung von Hermann Bahr, 3. 8. 1903

3. Es gießt wieder.

Zimmerrechnung für acht Tage bezalt, mit Trinkgeld 30 Mark.

Ins Bad. Zur Conference bei »Reigen« fällt mir ein, am Schluße wäre ein Wort an die »Wohlwollenden« zu richten, die mir ja zugeben, daß ich als auffrischendes und aufmischendes Element in unserem geistigen Leben, welches aus seinem Schlafe aufzuwecken mir gelungen sei, immerhin manches Verdienst hätte, jetzt aber wieder sagen werden, es sei schrecklich, daß ich doch alles immer mit solchem Spektakel machen muß. Worauf zu erwidern ist, daß ja eben ein »Wecker«, der ich ja doch sein soll, recht eigentlich dazu da ist, Lärm (und Spektakel) zu machen.

Zu Mittag hellt es sich ein bischen auf u. läßt zu regnen ab. Gegen vier ist alles wieder mit Nebeln zugezogen u. es gießt.

Dialog 9 u. 10 des Lukian. Jener (ein Offizier, aus der Schlacht siegreich heimkehrend, findet sein Mädchen von einem anderen Liebhaber besetzt) recht matt; dieser, worin ein Lehrer der Philosoph, von einer Hur beschuldigt wird, ihr ihren Liebsten weggenommen zu haben, um ihn zur Päderastie zu bekehren, lustig im Ton.

Leerer Nachmittag. Blättere in Lefcadio Hearns »Leaves of strange literature«, lese ein bissel griechisch, denke an den Dialog (die Sprecherin soll Jessie Bell heißen, Tochter eines Geh. Medizinalraths aus Hannover oder Bremen ), schreibe an die Eysoldt, lümmel auf dem Sopha herum und komm zu nichts. Das Schreckliche solcher Pausen, un mit unerträglichem Warten von einer Erregung zur anderen, die Angst völligen Versiegens nicht etwa blos der Production, sondern aller Fähigkeit zu empfinden u. zu leben, gehört auch in den »Dialog vom L.«.

Um über diese »Pausen« hinwegzukommen, wendet die Jessie den Anblick fremder oder noch lieber (weil suggestiver) eigener Erregungen an. Daher ihre Spezialität, ihre alten Liebesbriefe zurückzufordern und sie dann, kostbar gebunden, mit Jahreszal usw versehen, in ihrer Bibliothek aufzustellen.

Dialog 1 3 1 des Lukian: eine Hure liegt mit einem im Bett, der in eine andere Hur verliebt ist, u. sie vermiest ihm jene körperlich so, daß er lieber mit ihr schlaft. 12, recht albern, nur hübsch, wie der junge Mensch sich nachts aus dem Hause schleicht.

  • A Wien Theatermuseum HS VM 1765 Ba
  • Weiterer Druck: 1901–1903 Bearbeitet von Helene Zand und Lukas Mayerhofer 1997 362–363 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 III