Aufzeichnung von Hermann Bahr, 20. 8. 1903

20. Schön.

Die »Scharfrichter« annoncieren die »Mutter«. Das Erstaunen in der Redaction, daß ich, »bei meiner jetzigen Stellung«, so etwas »erlaube«. Davon will ich auch in meiner Conference sprechen, da man nemlich auch Schnitzler am meisten verargt hat, daß er den »Reigen« nach dem Bauernfeld-Preis publiciert hat. »Man scheint also zu glauben, daß man uns mit Stellungen oder Ehren das Maul stopfen könne. Das ist ein Irrtum. Wir pfeifen auf alle Stellungen und Ehren, die doch für uns nur insofern einen Sinn haben können, als sie unserer Wirksamkeit, unserer unsittlichen Wirksamkeit mehr Nachdruck geben mögen.«

Lese im Cherubinischen Wandersmann und notiere sprachlich:

25. Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir (= entschlüpft)

Ebenso 193. Zerwird sie = zerfällt sie, löst sie sich auf.

Ebenso 255. Verwird

Wunderschön auch das Wort »Ungewitter« für Betrübnis aus Leidenschaftlichkeit: Verzage nicht, mein Kind; Hast du nur guten Willen,
So wird sich endlich wol dein Ungewitter stillen.

In Strunz’ Paracelsusbuch finde in seiner Defension »Von wegen meines Landfahrens« heftige Ausdrücke gegen die »Biernbrater hinder dem Ofen« und seinen Stolz zu den Perambulani zu gehören. Wunderhübsch ist auch, wie er »von solchen etlichen neuen auditoribus« spricht, »die sich under ougen gegen mir fruntlich und zu rück findtlich erzeigen«. Kenn ich auch.

Paracelsus wie Sebastian Franck wollen von Luther und dem ganzen Theologengezänk nichts wissen, wie wir heute von den Sozialdemokraten, für die das Wort des Franck gilt: »Wir brechen viel ab und bauen nichts an die Stelle. Was hilft es zu wissen, daß der Papst ein Bube ist, wenn wir nicht besser sind?«

Grundanschauung des Silesius: daß wir alles in uns haben, die ganze Welt, auch Gott. Wir müssen uns nur von unserer zufälligen Subjectivität frei machen (uns »entbilden« II 54), um zu der in uns verborgenen Objectivität durchzubrechen. Daher bei ihm, wie bei Eckhart, die Verachtung der Kreatur, v. a. der einzelnen Erscheinung.

I 3 Weg, weg, ihr Seraphim! Ihr könnt mich nicht erquicken

Ich will nun eurer nicht: ich werfe mich allein
Ins ungeschaffne Meer der bloßen Gottheit ein.
Dazu jedoch muß die Kreatur erst »zerwerden«. I 193.

Aber Gott braucht den Menschen oder die Kreatur, da er nur in ihr oder an ihr erst erscheinen kann: (vgl. II 48 der verborgne Gott)

I 115 Ich selbst muß Sonne sein, ich muß mit meinen Strahlen
Das farblose Meer der ganzen Gottheit malen.
Da Gott in allem ist, ist keine Creatur besser oder schlechter als die andere.

I 127 Gott hat nicht Unterscheid, es ist ihm alles ein;
Er machet sich so viel der Flieg’ als dir gemein.
Vgl. Eckhart (Landauer 219 Wenn Gott lieber in einem als im andern ist, das ist noch fern)

I 145 Der Himmel ist in Dir und auch der Höllen Qual.

II 149 Wie magst Du was begehen? Du selber kannst allein
Der Himmel und die Erd und tausend Engel sein.

Ebenso I 295. Und I 298

Christ, mein! Wo läufst du hin? Der Himmel ist in Dir,
Was suchst Du ihn dann erst bei eines Andern Thür?
Alle Creaturen sind ein großes Concert zu Gottes Preis:
I 265 Ach! Daß wir Menschen nicht, wie die Waldvögelein,
Ein jeder seinen Ton mit Lust zusammen schrei’n.
Aber darum soll auch jeder nach seiner Weise singen:

I 268 (vgl. 267) Je mehr man Unterscheid der Stimmen vor kann bringen,
Je wunderherrlicher pflegt auch das Lied zu klingen.
Verwandle dich: III 232

Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn;
Man muß aus Einem Licht fort in das andre gehn.
Auch der Tod ist nur Verwandlung: 130

Ich glaube keinen Tod. Sterb ich gleich alle Stunden,
So hab ich jedesmal ein besser Leben funden.
Umwechslung. Überformung. IV 24.

IV 77 Stirb, ehe du noch stirbst, damit du nicht darfst verderben sterben
Wenn du nun sterben sollst; sonst möchtest du verderben.

  • A Wien Theatermuseum HS VM 1765 Ba
  • Weiterer Druck: 1901–1903 Bearbeitet von Helene Zand und Lukas Mayerhofer 1997 388–389 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 III