Aufzeichnung von Hermann Bahr, 30. 10. 1903

30. Ins Preßbureau der Polizei, wo man mir die Freigabe des »Reigen« wahrscheinlich macht, aber auf mein Risiko, indem ich alle Consequenzen eines Skandals, den Böswillige vielleicht »arrangieren« würden, zu tragen hätte.

Liefere Wärndorfer die Änderungen meines Vorworts zu Klimt 1 ab.

Nachzutragen, daß mir Dr Franz Zweybrück gestern abends sieben Uhr telephoniert hat, in einer Sitzung des Vorstandes des Östreichischen Journalistenbundes sei berathen worden, ob die Tatsache, daß ein Journalist, wie Hermann Bahr ist, ein pornographisches Machwerk, wie der »Reigen« ist, öffentlich vorliest, nicht geeignet sei, die Ehre und das Ansehen des Journalistenstandes zu schädigen. Vorsitz: Wilhelm Singer. Teilnehmer Leitich, Pötzl, Robert Hirschfeld. Auf meine Frage, ob Jemand für mich gesprochen, antwortet Zweybrück: Niemand; auch er selbst nicht. Man habe aber vorläufig nur beschlossen, mir Vorstellungen auf freundschaftlichem Wege zu machen. Ich antworte mit dem Götz-Citat 2.

Abends Coquelin Cyrano.

  • A Wien Theatermuseum HS VM 1766 Ba
  • Weiterer Druck: 1901–1903 Bearbeitet von Helene Zand und Lukas Mayerhofer 1997 404 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 III
1 Klimt [Max Burckhard, Hermann Bahr, Koloman Moser, Fritz Waerndorfer:] Gegen Klimt. Wien: Eisenstein 1903, das gezeichnete Vorwort auf S. 3–6.
2 Götz-Citat Goethe: Götz von Berlichingen, Dritter Aufzug: »Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!«