Aufzeichnung von Hermann Bahr, 18. 12. 1903

18.

Schnitzler bei mir, auf den der »Meister« stark gewirkt zu haben scheint. Gespräch über den wunderlichen Goldmann

Bei Mahler, von dem ich die Gutheil-Schoder für die Irene will, was er abschlägt, äußerlich mit Hinweis auf sein Repertoire, innerlich wol weil er an kein Gelingen des Experiments glaubt.

Bei Burckhard, der mir den Rekurs an das Ministerium in Sachen »Reigen« machen soll.

Bei Redlichs.

Mit Dr Blei, Salten, Direktor Henry im Café Central. Sie erzälen, wie Th. Th. Heine seinem Hunde giftig Bilsenkraut in die Ohren gießt. Wie feig Wedekind eigentlich ist, der mit dem Munde das Publicum cynisch frech angeht, aber dabei mit den Knieen zittert. Seine Eifersucht auf die Delvard, weil diese mit seiner »Ilse« stärker wirkt als er selbst. Die Geschichte, wie er Henry einmal ohrfeigt, dieser, um die Vorstellung nicht zu stören, sich beherrscht, eine halbe Stunde später aber, als W. sich trotzdem aufzutreten weigert, in einem plötzlichen Wutanfall ihn durchprügelt, worauf W. davon rennt, um sogleich aus dem nächsten Café telephonisch anzufragen, ob er nicht doch wiederkommen und jetzt seine Nummer vortragen könnte, was schließlich auch geschieht. – Die ungeheure Verachtung der Wiener Presse, wegen der Ohnmacht ihrer Verlogenheit.

Abends Josefstadt: Die dreihundert Tage.

  • A Wien Theatermuseum HS VM 1766 Ba
  • Weiterer Druck: 1901–1903 Bearbeitet von Helene Zand und Lukas Mayerhofer 1997 418 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 III