Aufzeichnung von Hermann Bahr, 31. 12. 1903

31. Sehr kalt. Nebel. Heftig verschnupft, Bronchialkatarrh, dumpfes Herz.

Das Jahr bin ich eigentlich immer krank gewesen, muß es aber dennoch ein sehr gutes nennen: Dialog vom Tragischen, Gegen Klimt , Unter sich, Der Meister.

Meine Stellung in Berlin ist unvermutet eine viel bessere geworden. Gutes Verhältnis zu Brahm, intimes zu Reinhardt, mit dem für 1904 die Ibsen-Spiele geplant sind, aus welchen sich für 1905 die Salzburger Feste entwickeln mögen.

Meine Wiener Stellung fast unleidlich, alle Geschütze auf mich gerichtet, ohne mir freilich schaden zu können – aber meine Nerven halten es nicht mehr aus, meine Verachtung und mein Ekel für den Wiener Sumpf sind zu stark. Wenns irgend zu machen ist, will ich im Herbst nach Italien.

Dazu ist zunächst der Roman-Vertrag, mit Freund oder mit Fischer, abzuschließen. Für alle Fälle habe ich auch an Scherl geschrieben. Ahn ist dringlicher, als früher meine Art war, zur Ausnutzung meiner alten Stücke (SormaStar, WienerinnenSchillertheater, Star und Meister Paris ) anzuhalten. Mit Redlich wäre gelegentlich durch Herzl bei der Neuen Freien anzuklopfen. Von Langen erwarte ich Antwort wegen der Revue, die mit Redlich besprochen wurde. Auch Darmstadt und Weimar wären Möglichkeiten. Zunächst mit Wilhelm Singer zu sprechen, ob ein Urlaub für ein ganzes Jahr möglich wäre.

Schönes mit M. erlebt, mit der E. begonnen, dabei erst in der letzten Zeit, in Berlin und am Semmering, sehr stark gespürt, wie unentbehrlich mir meine Frau ist, nicht nur, wie sie meint, als Mascotte, sondern weil sie das ist, was ich gern wäre: durch ein unerschöpflich heiteres und selbstbewußtes Temperament vor allen Wechseln des Schicksals sicher, die doch nur äußeres, auf ihren Sinn treffen können.

In diesem Jahr hat Hugo, mit der Elektra, seinen ersten wirklichen Erfolg gehabt.

In diesem Jahr ist Klimt gegen alle Feinde durchgesetzt worden.

Eigentlich bin ich also jetzt unnötig. Ich kann endlich daran gehen, mir selbst zu leben.

Dazu das Gefühl, daß Olbrich, Klimt, Moser, Schnitzler, Hugo doch nur Einzelereignisse1 waren. Hinter ihnen kommt nichts nach. In unserem armen Lande ist keine Folge da.

So recht mein Glaube an diese Talente behalten hat, es war ein Irrtum, an sie eine Bewegung anschließen zu wollen.

Olbrich in Darmstadt , Hugo vielleicht bald in Weimar , Schnitzler mit seiner Wirkung schon längst mehr in Berlin , ich vielleicht draußen einmal an einer großen Revue schaffend, während hier alles im Sumpf erstickt.

Hofrat Werian Murian

Franz Xaver Laz, Syndikus der Landschaft

Julie, seine Frau

Babette

Sanna seine Töchter

Lizza

Schulrat Nilius

Lieutenant Erwin von Lenna, sein Neffe

Apotheker Domini

Kleine Stadt in Östreich. In den Vierziger Jahren.

Für heute ist im Berliner Kleinen Theater die Premiere von »Unter sich« angesetzt, das Glasenapp, zuerst darüber so entrüstet, eigentlich nur aus Scham vor Burckhard, der ihn damit gefrozzelt, und aus Eitelkeit, damit es nicht heiße, in Preußen sei etwas erlaubt verboten , was man in Östreich erlaubt, freigegeben hat.

Abends Hugo, die Gerty, Hans bei mir. Gespräch über Krankheit, dann über Weimar .

Burckhard schickt mir einen merkwürdigen Brief Körbers über »Weber«, den ich sogleich für Brahm copieren lasse.

  • A Wien Theatermuseum HS VM 1766 Ba
  • Weiterer Druck: 1901–1903 Bearbeitet von Helene Zand und Lukas Mayerhofer 1997 424–426 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 III