Aufzeichnung von Hermann Bahr, 25. 9. 1904

25. Nach Rodaun zu Richard. Treffe auf der Dampftramway Arthur, Vanjung, Salten, Schwarzkopf. Hugo und Gerty sind unerwartet in der Früh aus Venedig angekommen. Richard liest sein Stück »Der Graf von Charolais« nach Massinger, vor. Bei starker Bewunderung für sein Talent, das überall den höchsten Ausdruck findet, der nur oft höher als sein Inhalt ist, und für den prachtvollen Vers, der an dramatischer Schlagkraft ganz einzig ist, finde ich das Ganze durchaus verfelt, weil der am Schluße ausgesprochene Sinn der Sinnlosigkeit unseres Daseins (wir werden gerade dafür bestraft, wofür wir belohnt werden. Wäre der Graf nicht ein so guter Sohn und würde der Präsident nicht aus Liebe zu seiner Tochter den besten Mann für sie wollen, so hätte jener es nicht erlebt, daß ihn seine Frau betrügt, dieser nicht, daß seine Tochter vor ihm sterben muß) doch das ganze Stück nicht stimmt oder es doch wenigstens nicht darauf hinzielt. – Ein großer Dichter, einer, der wenn eine Zeit zum ersten Mal eine neue Ansicht des Lebens und der Menschen gewonnen hat, diese zum ersten Mal ausspricht, u. zw. so, daß alle einstimmen, ist Richard hier so wenig als in meinem Sinne überhaupt ein Dichter, einer, der eine eigene, besondere, persönliche Ansicht der Dinge ausspricht. – Mir fällt immer der Vergleich mit dem »armen Heinrich« ein; der so unendlich viel zu sagen hat, aber es nicht kann, weil er zu wenig Talent für seinen menschlichen Fonds hat, während Richard viel mehr Talent als menschliches Material dafür hat.

Auch characterisieren alle Personen sich direkt selbst, sie haben den Zettel heraushängen. Sie declamieren auch.

Der Misbrauch, der mit der Intensität des Ausdrucks geschr getrieben wird. Der muß in der kürzesten Zeit abwirtschaften. Wie wenn einer in ein Café treten würde, die Hände ringend, vor Aufregung schluchzend, den Kellner mit einem Dolch bedrohend, um eine Melange zu bestellen; das erste Mal würde das auf den erschreckten Kellner enorm wirken; so bald es allgemeine façon de parler wird, gar nicht mehr. Das espressive um jeden Preis, das fortissimo des Ausdrucks. Wie enorm es dagegen in den Gespenstern wirkt, wenn nach dem langen stillen ersten Akt am Ende der Sessel nebenan umgeworfen wird.

  • A Wien Theatermuseum HS VM 2083 Ba
  • Weiterer Druck: 1904–1905 Bearbeitet von Lukas Mayerhofer und Helene Zand 2000 296–297 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 IV