Tagebuch von Arthur Schnitzler, 28. 9. 1910

28/9 Vm. bei Baron Berger. Bittet mich Aufschub des Medardus nicht für ein »Bühnenmanöver« zu halten; Kainz »Saul« mit »Thor und Tod« soll zuerst studirt werden.– »Das weite Land« will er mir nicht zurückgeben; reist heut ab, um »Rittner« zu gewinnen, der dann den Hofreiter spielen würde.– Über Bassermann, Walden, Burg (!).

– Er war von besondrer Herzlichkeit.–

Dann zu Rosenbaum, der als er mich doch noch schwanken sah (zwischen Volkstheater und Burg), mir den Revers zum Unterschreiben vorlegte; das »W. L.« sei das Stück, nach dem »die deutsche Bühne lechzt« .  .  .  er ist von einem großen Erfolg überzeugt. Dagegen ist es interessant, wie er nun innerlich am »Medardus« zu zweifeln beginnt.–

Mama zu Tisch. Mit ihr ein Bach.

Wieder nichts gearbeitet, nur »O Mensch« gelesen.

Ein kleiner Judenbub mit 2 ditto Mädeln erscheinen plötzlich (ich lief ihnen im Vorzimmer in die Arme) – um Rat fragend wegen Gründung einer Zeitung, da ihnen ihre Arbeiten von allen Zeitungen refusirt würden!–

Las »O Mensch« zu Ende; ein recht abgeschmacktes, gräßlich geschriebnes, greisenhaft geschwätziges Buch.

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1909–1912 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Maria Neyses, Susanne Pertlik, Walter Ruprechter und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1981