Tagebuch von Arthur Schnitzler, 28. 10. 1918

28/10 Traum: Stehe hinter der Scene Burgtheater, links vorderste Kulisse, plaudre mit der Wilke (die neulich die Frau Natter ordinär genug spielte); sie sieht puppenhaft aus, etwas altmodisch gekleidet (etwa wie Fännchen auf einer nun etwa – 40 Jahre alten Photographie); spreche von der Niese, als wäre sie die erste Christine an der Burg gewesen, von der Medelsky als von der zweiten (Niese für Sandrock) – und als hätt ich beiden den Hof gemacht, aber mit irgend einer Anspielung, daß ich damals jünger gewesen. Sitze plötzlich zwischen Gimnig und Devrient, erzähle jenem wie Mitterwurzer und wie Sonnenthal den Herrn (in der Liebelei) gespielt – da fällt mir ein, daß ja auch Gimnig den Herrn gespielt (wirklich), und ich bemerke höflich, Mitterwurzer habe ihn wie er ungefähr gespielt – jetzt erst gewahr ich Devrient – wir sind alle, etwa wie auf einem Bild schräg abgeschnitten – Nun bin ich wieder hinter der Scene, Oper, sitze auf einer Bank hinten, weit vorn Anfang der »Meistersinger«; zwischen den Versatzstücken konnte man mich (und noch einen auf der Bank?) sehen – ich werde zurück seitwärts geschoben. Louis Mandl erscheint auf der Feststiege (die auf der Bühne endet), als Director, ich solle doch in den 2. Stock Loge 15 gehn, dort sehe und höre man besser.– Wo ist mein Überzieher? Er hängt nicht mehr an der Wand, neben Hosen und Jacken – ich bin nemlich in einem Café;– es war ein schöner grauer Überzieher – gestohlen; schade;– aber da hängt mein andrer, drap (der wirklich in meinem Besitz ist); ich ziehe ihn an, gleich darüber meinen dunkelgrauen mit den Atlasaufschlägen; trete (mit wem:) auf die Straße, Praterstern; vor der Thür, ein Weib, das eine Unmasse Bananen aus einem – oder in einen Rucksack packt .  .  .  Auf dem Weg hab ich Spiegl getroffen (ohne zu sprechen), dick, schwarzer Schnurrbart (ganz anders als er wirklich aussieht); er interessirt sich irgendwie für den Diebstahl des Überziehers mit Bedauern. (Crammon in Jacobs Roman ist Spiegl;– letzte Scene in Verbrecherkreisen – etc.)

Vm. bei Salten.– Dictirt (Briefe u. dgl.).–

Nm. am Weiher.

Mit O. bei der Hofr. z. N.– Bahr und Frau, Friedell. Bahr redete geistreich-albernen Unsinn. Z. B. für Erhaltung der Dynastie – damit die Amerikaner eine Sehenswürdigkeit mehr in Europa haben (der Papst und der letzte Monarch –); über die Gestaltung der Zukunft in Wien – Wohlfahrtsausschuß unter Weiskirchner, dann Bolschewikismi, Pogroms u. s. w.– N. d. N. aus dem Auswärtigen Amt Graf und Thun, und Hr. v. Praznovszky, der die Nachrichten von den Prag er und Budapest er Unruhen brachte, und der Parlamentsaufregung anläßlich der oesterr. Separatfriedensbitte.– Dr. Rudi Kfm. und Frau; Fr. Wohlgemuth (möchte Med. wieder spielen), Hr. und Frau Auspitz, Frl. Mayer u. a.–

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1917–1919 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1985