Tagebuch von Arthur Schnitzler, 26. 2. 1921

26/2 Bei Gisa.– Vallo’s bevorstehende Abreise.– Wir treffen uns beide in dem Gedanken: wie schön es wäre, einmal Nachts hinüberzuschlafen –

– Mit Heini Einkäufe – Stoffe, Schuhe.–

Begegnung mit Gustav; ich benütze die Gelegenheit ihm sozusagen »officiell« von der Ehekrise Mittheilung zu machen. Er ist wie erlöst, daß er zu mir reden konnte und schien zu mehr Aufschlüssen bereit als ich Lust hatte zu hören. Auch er hat zum ersten Mal vor 1 ½ Jahren die Gerüchte gehört – u. zw. aus dem Burgtheater (Paulsen). Wer? Die Hofrätin,– die natürlich ihrer Freundin Mayer (wie sämtlichen andern Bekannten) was O. ihr anvertraut, brühwarm zurückerzählt (»mit allen Details«, wie Gustav bemerkte).– Wieder etwas pathologisches, diese Indiscretion der Hofr.; die mit ihrem leidlichen Verstand, ihrem Wissen um das was taktvoll,– ihrer Gutmütigkeit und Gutherzigkeit gar nicht in Einklang zu bringen .  .  .  – – Er wunderte sich vor allem, daß O. ihre »Position« aufgegeben;– sie gehe in ihr »Verderben–«; und meinte – es sei viel aus »Literatur« zu erklären.– Ich gab mich durchaus überlegen,– als wäre eigentlich alles überwunden;– und ich denke, daß ich ein ganz leidlicher Komödiant geworden bin.–

Zu Tisch Ruth Lindberg, die nachher in meinem Zimmer war und mich fragte, was sie eigentlich thun solle. Der Wirbel um sie,– der junge Pr. (das »Kind«), der ernsthaftere I., der Toggenburg Pl. ;– der schwedische Bräutigam.–

Bei Frau Schmutzer im Garten; Schulfragen. –

Bittere Einsamkeitsgefühle;– das leere Schlafzimmer; – die Nachmittage;– warum eigentlich schmerzlich? Ist es nicht besser, als die letzten 2 Jahre (oder länger) wenn sie daheim war?– Nachmittag davon, fast täglich, wenn nicht irgend wer zum Thee kam – – Abend in ihrem Zimmer, Briefe schreibend;– wenn wir sprachen – selten was gutes .  .  .  Und wenn sie zu Hause war;– fühlt ich mich bedrückt.– Und doch – etwas war noch immer da .  .  .  Hoffnung. Irgendwie Hoffnung, es könnte ein Wunder kommen: Einsicht.–

Während ich an Lucy schreibe – telef. Aufruf München O.: keine Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung;– sie wollte schon gestern nach Wien ;– Schuld nach Angabe des Advocaten – ihr Name – Reigenaffaire (!!) – ;– Anna Mildenburg-Bahr bemüht sich für sie; vielleicht nach Starhemberg;– später hieher .  .  .  Warum ich nicht schreibe .  .  .  Ich: Eben daran, an Lucy;– wir müssen ins klare kommen;– müsse ihre Absichten und Wünsche kennen;– möchte Besprechung, bei der ihre Freundin dabei (die aber nun auch durch Übersetzungsarbeit sehr in Anspruch genommen);– nicht in Salzburg , aus naheliegenden Gründen;– eventuell Baden .  .  .  Sie läßt die Kinder ans Telef. kommen zu flüchtiger Begrüßung.– Mein Eindruck, daß sie – zu spät – den ungeheuern Fehler zu spüren beginnt, den sie begangen.–

  • Schnitzler, Arthur Tagebuch 1920–1922 Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach hg. v. der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig Wien Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1993