Hermann Bahr: [Notizen zur Lektüre von Hugo von Hofmannsthals Das gerettete Venedig?], [2.–3. 9. 1904?]

Endlich aber noch: es liegt nun in meiner Natur, Kunst u. Künstler nicht betrachten zu können, ohne dann doch auch an ihre Wirkg auf die Stadt, auf die Nation, auf die Menschheit zu denken. Und nichts würde ich für schlimmer halten, als wenn sich andere zu solchen Darstellgn verleiten ließen, die uns nichts, aber mit wunderschön schillernden Worten täuschend behängt sind.

Schwankend, ob es notwendig, Ihnen dies zu sagen, ob ich es doch auch heiße, der Bewundrg vieles schöne Einzelnste verbergen wollen möchte, habe ich mich doch dazu entschlossen, aus keiner besonderen Ursache. Dasselbe Gefühl von Bedauern, ja fast einer mir selbst wunderliche Erbitterung wie jetzt für Sie habe ich zwei Mal im Leben erfahren, einst gegen die Duse, ein anderes Mal gegen Schnitzler, als ich sie und ihn mit einer gewissen Trägheit vor einer Entwicklg zaudern sah1, die Ihrem Wesen geboten war, ihr aus dem Emotionellen, ihm aus dem Kleinen empor.

  • A Wien Theatermuseum HS VM 2136 Ba

    In: Abreißblock, 28 Bl., eh. von beiden Seiten mit Bleistift beschrieben, unpag., [S. 1–2].

1 zwei Mal im Leben erfahren, einst gegen die Duse, ein anderes Mal gegen Schnitzler, als ich sie und ihn mit einer gewissen Trägheit vor einer Entwicklg zaudern sah Hermann Bahr an Arthur Schnitzler, 15. 5. 1902, Hermann Bahr: Lebendige Stunden, 15. 3. 1903 und Olga Schnitzler: Spiegelbild der Freundschaft, 4. Kapitel, 1962.