Tagebuch von Josef Redlich, 3. 11. 1903

Dienstag, 3. November

Es war sehr hüsch in Sárvár . Merkwürdig viel Magyarisch hörte ich dort unter dem Volke reden. Ungarn ist für mich mehr denn je ein Problem – das ich bisher höchstens durch leidenschaftliches Vorurteil, nicht durch ein Urteil gelöst habe.

Lese Trevelyans Life of Macaulay . Ein wunderbarer Mensch ist Macaulay! Seine Briefe einfach entzückend klug, klar, witzig! Die Biographie ist des großen Geistes würdig.

Lese Oldenbergs Indische Literatur: schönes Buch. Las ein sehr kurzsichtiges Buch des Kommerzienrats Goldberger über Amerika! Die Leute sind jetzt ganz toll, beurteilen die Zukunft einer Nation ausschließlich nach ihrem Import und Export.

Gestern bei Hofrat Sieghart, um Bahr eine Audienz bei Koerber zu erwirken. Bahr war vorgestern hier: er hat sich in eine Art von Fechterstellung zugunsten des von der Presse unterdrückten »Reigen« von Schnitzler begeben. Ich finde seine Position echt, aber zwecklos. Es hat keinen Sinn, für die Kunst und ihre Freiheit immer dort am schärfsten einzutreten, wo sie der Pornographie am nächsten ist. Fand bei Burckhard, der anwesend, einige Zustimmung.

Landtagsdebatten über die Arzte eine wahre Schande für Wien! Wann wird diese Woge der Rohheit und Unwissenheit zurückebben! Und doch ist sie nur eine notwendige Folge der bodenlosen Unwürdigkeit des Wiener Liberalismus der Siebzigerjahre, des geistigen Hochmutes jener Generation, in der die Unger. Glaser, Schmerling und die minores dii mit tiefer Verachtung der misera plebs Österreich »vorwärtsbrachten«. Und doch muss auch jetzt wieder eine Reaktion gegen das Zuviel dieser Reaktion kommen! Sed quando et quomodo? Wenn man nur etwas dazu tun könnte, eine neue Zeit heraufzuführen!

Terese muss nach Davos ! Ihre Lunge ist tuberkulös affiziert, zwar nicht sehr stark, aber doch so, dass alles zur Heilung Erforderliche geschehen muss. Ich habe dieses Unglück längst vorausgesehen und bin erbittert über den, der es gleichfalls längst hat sehen müssen! Jetzt kann ich nur das Beste ersehnen und hoffen! – – Es ist schlimm für eine Mutter von drei Kindern, mit 34 Jahren siech zu sein! Sehr traurig!

  • Erinnerungen und Tagebücher 1869–1914 143–144 Redlich, Josef Schicksalsjahre Österreichs. Die Erinnerungen und Tagebücher Josef Redlichs 1869–1936 Hg. Fritz Fellner und Doris A. Corradini Wien, Köln, Weimar Böhlau 2011 I