Arthur Schnitzler an Hermann Bahr, 24.–25. 6. 1906

lieber Hermann,

ich finde deinen neuen Einakter sehr interessant; fesselnd vom ersten bis zum letzten Wort, und halte (wenn es nicht zu einem Skandal kommt, was man bei Bahren und Faunen nie wissen kann) auch eine starke Bühnenwirkung für wahrscheinlich. (Deine 3 Einakter müssten zusammen gegeben werden; Faun zum Schluss, Narr zu Anfang, das »du kannst ja mitkommen«, der Helmine am Schluss bekäme dann seine besondre Bedeutung.)

Man denkt natürlich so ein Stück weiter, wie man wirkliche Erlebnisse weiter phantasirt, und so habe ich auch einen zweiten u dritten Akt gesehen, die man vorläufig nicht wird spielen können. Der zweite Akt auf der steilen Bergwiese. Falls du ihn schreiben solltest, rathe ich dir, ihn nicht von Lessing inszenieren zu lassen, der Orgien nur ein mäßiges Verständnis entgegenbringt, was sich im 4. Akt der Beatrice jammervoll erwiesen1. Dieser zweite Akt, der verschiedentlich geführt werden könnte bekäme seinen ganzen Sinn natürlich nur durch die vollendeste Rücksichtslosigkeit. Also Bedingung: Unaufführbarkeit. Da für mich (wenigstens wie ich das Stück weitergedacht habe) Helmine die Heldin ist, brächte der 3. Akt den seelischen Untergang oder Sieg der Helmine . Man wird zu irgend etwas wahrscheinlich nur reif, wenn man eigentlich dazu geboren war. Man kann ein Faun sein; man kann aber kein Faun werden. Man kann ein Hexchen und eine Nymphe sein, aber man kann es nicht werden. Ich bin nicht klar darüber, ob Helmine das Recht auf die Welt gebracht hat, auf die steile Bergwiese zu wandern. Jedenfalls sie eher als Edgar, wie ja die Frauen überhaupt mit den Urelementen verwandter sind als die Männer. Es wäre auch zu bedenken, ob Helmine nicht irgend was, das man nur aus seiner Natur heraus thun darf, par dépit 2 thut – was vielleicht eine der häufigsten tragischen Verschuldungen bedeutet. Eine andere, eher komoedische Verschuldung hinwiederum: jemand denkt auf dem Wege der Höher-Entwicklung irgendwohin gelangt sei zu sein – und ist nur atavistisch3 hingerathen. Auch auf den steilen Bergwiesen tanzen zumeist Leute, die nicht hin gehören. Dahin ungefähr führte mich dein faunisch-tiefsinnig-burleskes Stückchen, und so möchte es wahrscheinlich damit enden, dass irgend welche nicht bergwiesenwürdige Geschöpfe vom wahren Faun zu Thale geprügelt würden.–

– Heute, den 25. mein lieber Hermann, reisen wir ab. Nach Berlin . (1, 2 Tage) Kopenhagen (3, 4 Tage.) Marienlyst . Ein paar Wochen. Dann, August vielleicht noch irgendwohin an die Nordsee. ( Nordeijk ?). Lass uns jedenfalls in brieflich-ansichtskartlicher Verbindung bleiben. –

Mit guten Sommerwünschen und Grüßen von Olga u mir
herzlichst der Deine
Arthur

Das Mscrpt ist an Salten abgesandt.

Schnitzler, Arthur Wien 24.–25. 6. 1906
  • A Wien Theatermuseum HS AM 23379 Ba

    eh. Brief, 2 Bl., 7 S.

  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 537–538
  • Weiterer Druck: 24. 6. 1906 Schnitzler, Arthur The Letters of Arthur Schnitzler to Hermann Bahr Edited, annotated, and with an introduction, by Donald G. Daviau Chapel Hill The University of North Carolina Press 1978 94–95 University of North Carolina studies in the Germanic languages and literatures 89
1 jammervoll erwiesenBezieht sich auf die Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin, die am 7. 3. 1903 Premiere hatte.
2 par dépit (frz.) aus Neid.
3 atavistischNeuerlich auftretende Eigenschaften früherer Generationen, die durch die Entwicklung unnötig geworden sind und für überwunden gelten.