Arthur Schnitzler an Hermann Bahr, 11. 10. 1907

Lieber Hermann,

Ich danke Dir sehr, dass Du mir ermöglicht hast Dein neues Stück zu lesen. Dass Du es kurzweg als Scherz bezeichnest nehme ich als Koketterie. Ich habe durchaus Vergnügen und sehr oft Freude daran gehabt. Man wünschte sich vielleicht Gestalten wie Korz und Fanny, auch Jason und die geringern, in einer ernster bewegten Welt wiederzufinden, wie ich überhaupt die Charakteristik und Karikaturistik in dem Stück noch höher werten möchte, als das anekdotische Element. Ich hoffe | aus praktischen Gründen | Du bereitest das Publikum durch einen glücklichen Untertitel1 ein wenig2 vor, wie es seine Augen einzustellen hat, um mit ungestörter Lust schauen und geniessen zu dürfen. Nennst das Ganze vielleicht burleske Komödie oder so ähnlich. Ferner, wenn mir ein bescheidener Rat gestattet ist, würde ich die Schlussscene des zweiten Aktes | den schwarzen Kuss | streichen2, da mir ihr Humor zu Kadlbürgerlich scheint im Verhältnis zu der grotesken Laune, die sonst durch die Komödie fegt. Ob es den Leuten möglich sein wird sich ganz nach Deinem Willen in die gemässigtere Haltung des Schlusses zu finden, wag ich nicht vorher zu sagen. Für das, was den »Witz« in Deinem Stücke vorstellt, reicht natürlich auch das aus, was am Ende die »Pointe« wird, und das burleske widersetzt sich seiner ganzen Natur nach jeder entgiltigen Erledigung. Es ist gleichsam aus dem Chaos selbst geboren, während der Witz doch immer ein Spross des Tages ist, in einer Art von festem Verhältnis zu unsern Sitten, unserer Ordnung, unserer Tradition steht, auch wenn er sich über sie lustig zu machen scheint. Der Witzbold besieht sich die Erde von einem Fesselballon aus, der Burleskant schwebt frei in den Lüften. In ihm steckt so sicher ein Anarchist, wie im Witzbold ein Pedant. Dies nur nebenbei | wie es das Los der allgemeinen Bemerkungen nun ist. | Im übrigen glaub ich, dass sich die Leute bei Deinem Stück sehr amüsieren werden, selbst wenn sie es verstehen sollten.

[hs.:] herzlichste Grüße, auch von meiner Frau.
laß doch, von Zeit zu Zeit ein Wort von dir hören.
Dein
Arthur
Schnitzler, Arthur Wien 11. 10. 1907
Bahr, Hermann [Berlin]
  • A Wien Theatermuseum HS AM 23387 Ba

    ms. Brief, 2 Bl., 2 S., mit eh. Unterschrift, Korrekturen u. Nachschrift, gedruckter Kopf: »Dr. Arthur Schnitzler / Wien XVIII. Spoettelgasse 7

  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.294/2

    Durchschlag, mit hs. Ergänzung des »bold«

  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 564–565
  • Weiterer Druck: 11. 10. 1907 Schnitzler, Arthur The Letters of Arthur Schnitzler to Hermann Bahr Edited, annotated, and with an introduction, by Donald G. Daviau Chapel Hill The University of North Carolina Press 1978 99–101 University of North Carolina studies in the Germanic languages and literatures 89
1 UntertitelEs erschien ohne Untertitel.
2 ein wenigTippfehler: »einwenig«.
3 Schlussscene des zweiten Aktes | den schwarzen Kuss | streichenAuch die gedruckte Fassung enthält an dieser Stelle eine Szene mit schmatzendem Kuss, dürfte also nicht geändert worden sein.