Olga Schnitzler an Anna Bahr-Mildenburg, 24. 3. 1936

Meine liebe verehrte gnädige Frau,

Ihre lieben Zeilen haben mich, ziemlich verspätet, hier erreicht. Der Brief war »zur Devisenüberwachung« geöffnet. Ich musste lächeln: Devisen haben wir ja nicht auszutauschen, aber dafür: welche Schätze der Erinnerung –!

Sie ahnen sicherlich nicht, verehrte, darf ich sagen: geliebte gnädige Frau, – wie viel ich mich in letzter Zeit mit Ihrem Gatten beschäftigt habe, mit seinen Briefen, meinen eigenen Erinnerungen und machen Aufzeichnungen. Welcher Reichtum, welche Lebendigkeit –! wie sind Sie selbst da, – unser aller schöner Jugendzeit. Und dann: die Spaziergänge im Schnee – in Salzburg , 1921, – alle Güte, die Sie Beide in schwerer verworrener Zeit für mich hatten. Das vergisst sich nie.

Und nun: aus der Dürftigkeit der Gegenwart hab ich mich, auch auf Drängen meiner Freunde, die mich erzählen hörten, drangemacht, die Dinge aufzuschreiben, die sonst verloren giengen, – vielleicht werden sie nicht ganz unwichtig sein, im Kreis der Freunde erwacht und gestaltet, – Zeugnis ablegen, – später einmal. Mir ist es klar geworden, wie wach in diesem Kreis der Dichter etwas war: das Gewissen ihrer Zeit. Abgewandelt in jedem Einzelnen: menschliches-culturelles Gewissen, – immer ein Aufgerufen-sein: zu verantworten, ohne Beschönigung wahr, sich und andern auf der Spur, um das Leben reiner und höher zu gestalten, als sie es von der Generation ihrer Eltern übernommen hatten. Die schönsten Dinge stehen im »Marsyas«, der uns ja schon bei seinem Erscheinen so erschüttert hat. – Und: die Freundschaft der Männer: die grosse weite Generosität des Herzens, – das Bereit-sein für einander. Lesen Sie nun, liebe gnädige Frau, es ist ein unerinerrlicher Besitz, es mit erlebt zu haben.

Und so kann ich nicht klagen: gewiss, schwer, unsagbar schwer war Vieles. Aber es hat gelohnt, es ist wenigstens um was Wirkliches gegangen. Es waren weder Schemen noch falsche Werte: es ging um das Innerste und Höchste.

Wie wünsche ich mir immer wieder, Sie zu treffen. Eine leise Hoffnung war in mir, dass Sie an Stelle der Gutheil-Schoder in Salzburg lehren werden. Es ist leider nicht so. Aber: wenn Sie einmal hinkommen, – und Sie wollen mich sehen: bitte lassen Sie es mich wissen. – Ich bin bald wieder in Wien . Hier: versuche ich, irgendwelche Möglichkeiten in Form zu bringen, – denn Ruhe, Sorglosigkeit, – kurz, ein halbwegs gesicherter Lebens-Abend ist mir nicht gegönnt.

Ich möchte Ihnen, – ist das unbescheiden? – vorlesen, was ich niedergeschrieben. Die Menschen, die es kennen, hören zu, als hörten sie von Märchenzeiten. Es klingt, ja heut auch so. Und allzu vergesslich sind die Menschen: aber froh, wenn sie erinnert werden. – Noch eins: werden Sie mir die formelle Erlaubnis geben, – Briefstellen, Buchstellen von H. Bahr heraus zu geben? innerhalb dieses Buches? Ich bitte Sie um eine Zeile darüber.

Seien Sie innigst gegrüsst von Ihrer
Olga S.
Schnitzler, Olga London 24. 3. 1936
  • A Wien Theatermuseum AM 74896/4–5 BaM

    eh. Brief, 2 Bl., 4 S.