Hermann Bahr an Arthur Schnitzler, 29. 1. 1904

Lieber Arthur!

Ich »soll« nach Ortner zwei bis drei Monate hier bleiben, glaube aber nicht es so lang auszuhalten. Es ist hier sehr unangenehm und ich überlege hin und her, ob es nicht viel gescheiter wäre, in Taormina oder Kairo zu sitzen. Ich tue übrigens nichts, ohne vorher Ortner zu schreiben.

Der »einsame Weg« kam gestern an und wurde sogleich gelesen. Wunderbar finde ich, wie Du da von der Peripherie der Menschheit, an welcher sich die meisten Stücke sonst herumbewegen, in die Mitte ihres geistigen Lebens kommst, nemlich unseres geistigen Lebens, der Sachen, um die wir uns heute allein noch kümmern können. (Wobei ich mich an einen Satz Maeterlincks von dem still an seinem Tische sitzenden Greise1 und an manches erinnere, was in meinem Dialog vom Tragischen gefordert wird). Allerdings hat mir gestern, beim ersten eiligen Lesen und in meiner jetzigen geistigen Trübung, im dramatischen Ductus etwas gefehlt, ich kann es nicht anders sagen, als daß mir die Bewegung des Stückes einige Male abzubrechen und sich dann auf eine mir nicht gleich verständliche Art wieder zu sammeln oder zu ersetzen schien. Ich lese es nun aber in ein paar Tagen wieder und mit diesen Bemerkungen ist wol überhaupt mehr mein elender Zustand als das Stück kritisiert.

Grüß Brahm und wen ich sonst in Berlin kenne, empfiel mich Deiner Frau und sei herzlichst gegrüßt von
Deinem alten
Hermann
Bahr, Hermann Marbach am Bodensee 29. 1. 1904
  • GB Cambridge University Library Schnitzler, B 5b

    eh. Brief, 1 Bl., 2 S.

1 still an seinem Tische sitzenden GreiseIn À propos de Solness le Constructeur ( Le Figaro, Jg. 40, Ser. 3, Nr. 92, 2. 4. 1894, S. 1, späterer Titel Le Tragique quotidien ) schreibt Maeterlinck über das »tiefere Leben« eines Alten, der in seinem Stuhl versucht seine Umgebung zu begreifen, im Vergleich beispielsweise zu einem Liebhaber, der die Geliebte erwürgt.