Arthur Schnitzler an Marie Reinhard, 27. 7. 1895

Meine geliebte Mizi, für deinen entzückenden Bleistiftbrief will ich dich nun vorerst ××××××× tausendmal küssen und dir gleich sagen, dass ich dich anbete. Nicht: wie ich dich anbete, das kann ich nemlich nicht. Diese Zeilen treffen dich jedenfalls schon bei ziemlichen Wohlsein und im Vollgenuße deiner Trink und Badecur. Zu dem Anhörenmüssen der musikal Leistungen mein Beileid – ja wenn sich eben so unbemerkt die Ohren verschließen könnte als man, wenn man irgend was nicht sehen will, die Augenlider zufallen lassen kann!– Dass auch aus Ischl so wenig neues zu berichten ist als aus Fr. 1 kannst du dir vorstellen. Heute komt meine Schwester, in acht Tagen Julius mit der ganzen Familie. Für alle Fälle: laß lieber in Hinsicht deines Wr. Aufenthalts in unklaren; sonst kann man sich die Sache hier combiniren; auch noch nachträglich.– Gestern sprach ich Frau Bahr-Joël, die ich bei der Heimkehr aus Strobl auf der Straße Bicycle lernend antraf; und aus ihren Äußerungen erhellt, dass ihr Gemahl von mir stets nur mit der größten Zärtlichkeit spricht (Wenn dir was fehlt, laß dir den Thuri holen; das Relief 2 vom Thuri gehört in mein Zimmer etc) was ihn aber nicht gehindert hat, mir die Geschichte vom greisen Dichter zurückzuschicken, mit dem Bemerken, dass sie unbedingt noch auf ein Drittel gekürzt werden müsste. Uebrigens glaube ich selbst, dass die Geschichte von vorneherein zu lang und breit angelegt war; wie sie jetzt ist, läßt sich aber kaum noch was streichen; man müßte sie neu schreiben; – wozu ich wenig Lust habe. – Das Freiwild geht weiter, und zu meiner Freude zeichnen sich Figuren, die mir anfangs im verschwommenen Contouren aufstiegen, jetzt, da sie auf die Scene treten, ziemlich deutlich ab.–

Ich schließe für heute, umarme dich tausendmal, mein einzig geliebtes Miz und sehne den Augenblick unseres Wiedersehens mit einer Ungeduld und Innigkeit herbei, die du, mein süßer süßer Schatz gewiss mit mir fühlst – denn ich fühle, dass du mich liebst, mein Glück! mein Alles! Dein Arth 3

Schnitzler, Arthur Ischl 27. 7. 1895
Reinhard, Marie Franzensbad/Františkovy Lázně
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.1675

    eh. Brief, 1 Bl., 4 S.

1 Fr. Sie hielt sich in Franzensbad auf.
2 Relief Am 28. 5. 1892 erwähnt Schnitzler im Tb Ede Telcs für ein Relief gesessen zu sein, möglicherweise handelt es sich um dieses. Aus einer Karte von Karl Kraus vom 22. 3. 1894 geht hervor, dass er und Schnitzler zu diesem Zeitpunkt ihr Relief tauschten ( Karl Kraus und Arthur Schnitzler. Eine Dokumentation. Hg. Reinhard Urbach. In: Literatur und Kritik, Bd. 49, Oktober 1970, S. 521). Daraus kann gefolgert werden, dass sich das Relief vervielfältigen ließ. Aufzeichnung von Hermann Bahr, [August? 1899].
3 mich liebst, mein Glück! mein Alles! Dein Arth Unten auf der ersten Briefseite ergänzt.