Arthur Schnitzler an Marie Reinhard, 17. 7. 1895

Meine geliebte Mizi, gestern sind meine Erwartungen getäuscht worden, heut Nachmittag aber hab ich wieder einen Brief von dir bekommen, und meine Stimmung hat sich entsprechend gehoben. Ich will mich weniger officiös ausdrücken: deine Briefe sind engelhaft wie du selbst und ich küsse dich für jedes Wort tausendmal, auch für die Worte, in denen du mir dein Leid klagst und antisemitische Excesse begehst. Nun, zu deiner Abneigung gegen die fürstliche Familie beglückwünsch ich dich; halte an ihr fest (an der Abneigung.). Ich freue mich sehr, dass dir die Goethe Gespräche so gut gefallen – ich hab’ es gewußt; es ist ein so warmes und tiefes Buch wie wenig andre. Nach dir will ich es wieder lesen, und zwar aus deinem Exemplar – wenn du so gut bist, mir’s zu leihn, mein Mizl!–

– Ich hingegen habe gestern das Stück des kleinen Pserhofer genossen, welches eine Widerlichkeit hohen Ranges vorstellte. Nachher gab man die Cavalleria mit einer merkwürdg guten Santuzza vom Landesth.in Prag (Frl. Pagin.) – Heute Vormittg, Schatz, hab ich die Geschichte von dem greisen Dichter endlich abgeschlossen, noch einiges gestrichen und bereits an Bahr gesandt, (dessen Frau, von mir noch nicht gesehen, sich auch in Ischl aufhält). In der früh bin ich nach Laufen Bicycle gefahren. Nachmittag las ich diverses – wollte wieder nach Strobl ; doch kam ein Gewitter mit heftigem Regen, der noch anhält; nun bin ich in den Pensionsräumlichkeiten umhergewandelt und habe mit einigen Menschen geplaudert, Beer Hofmann, Paul Schönthan, Frau Dr. Kapper, Frau Dr. Hirschler, etc.; jetzt eilt ich in mein Zimmer herauf, meiner heftige Sehnsucht nachgebend, dir, du süßes einziges Wesen, näher zu sein. Ich kann nicht läugnen, dass meine Sehnsucht in solcher Art nur mäßig beschwichtigt wird, und kann dir gar nicht sagen, wie unendlich ich mich nach deiner Wirklichkeit, nach dir, dir, dir sehne und wie ich den Moment herbei wünsche, wieder mit dir vereint zu sein.– Mein Zimmer ist nun leidlich in Ordnung, und so weit ganz behaglich. Wunderbar ist’s, dass ich in diese stillen Dependance lebe und nicht zum mindesten, dass an mein Zimmer ein kleiner Nebenraum stößt, in welchem meine Koffer u. Taschen Platz haben, so dass ich die Illusion eines »Heims« genieße.– Aber dich möcht ich da haben, da wäre die Illusion doch noch etwas vollkommener;– Heut sinds acht Tage, dass wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Hat Frau Dr. F. noch was gesagt? War man sehr erstaunt, dss ich nicht auf ein »paar Tage« hinüber gekommen bin?– Für die entsetzliche Erfahrung, für deinen Vater gehalten worden zu sein, hab ich hier bereits vollgiltige Revanche erhalten! eine Dame sammt Tochter haben mich für 24 gehalten, was ihnen nie vergessen werden soll.– Ich schließe, um mich, zur Abwechlsung, fürs Theater bereit zu machen – werde mir Hänsel und Grethel vergönnen,– die es gießt noch immer. So sag ich dir denn, mein angebetner Schatz, für heute Lebwohl, küsse dich innig, und bin in unsagbarer Zärtlichkeit der Deine, ganz der

Deine Arthur

Der Portier legt die für mich bestimmten Briefe jetzt in mein Zimmer, das nur ich betrete.

Schnitzler, Arthur Bad Ischl 17. 7. 1895
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.1675

    eh. Brief, 2 Bl., 6 S.

  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 276–277