Arthur Schnitzler an Richard Beer-Hofmann, 20. 10. 1894

Dr. Arthur Schnitzler, Wien, IX. Frankgasse 1.
Dr. Richard Beer Hofmann
Lieber Richard. –

Schmetterlingsschlacht: Erster Akt sehr gut, voll glänzenden, nur zuweilen etwas absichtlichen Details;– machte erwartungsvolle treffliche Stimmung. Zweiter Akt läßt sich nicht übel an; befremdet bereits durch einige Trivialitäten – enttäuscht aber noch nicht recht. Der dritte Akt schwach, ungeschickt, ohne selbst den stofflichen Inhalt, der in ihm steckt, auszuschöpfen; verstimmend, mit einem affectirten, psychologisch falschen, enervirenden Schluss. Der letzte Akt kurzweg kläglich, geradezu erbitternd. – Sudermann scheint doch nur der große Meister der ersten Akte zu sein. – (Ehre, Sodom, Heimath überall der erste Akt am besten.) – Einige Figuren der Schmett. famos, andre unerlaubt läppisch. Das ganze Stück nicht einer glücklichen Eingebung entstammend, sondern recht mühselig und ohne Glück construirt. Das ärgste wär zu vermeiden, wenn 3. u 4. Akt zu einem zusammengezogen werden und die Rolle der naiven Rosi aus der gemeinen Theaterschablone ins menschliche hinaufgehoben wird. Die Darstellung ist großartig; sie lügt geradezu Seelen in die Puppen. – Um die Schm. für Sud.’s bestes Stück zu halten, muß man entweder nichts verstehn – oder Hermann Bahr sein. Ueber seine Kritik 1 und noch vieles andre hab ich gestern erst zwei Stunden mit ihm geplauscht. Ich zweifle gar nicht: er will immer interessant, immer geistvoll, immer bizarr sein, und es gelingt ihm fast immer – aber wenn seine die Originalität und die Bizarrerie – ja sagen wir zuweilen selbst die Tiefe seiner künstlerischen Anschauungen mit der Wahrheit zusammenfällt, so ist das gewiss mehr Zufall als der schöne Drang nach kritischer Ehrlichkeit. Und was könnte dieser Mensch nicht leisten, wenn er zu seinen außerordentlichen Eigenschaften auch noch die der Verläßlichkeit hätte. Er ist einer von den glänzenden – aber nicht einer von den Echten. –

Heut geh ich zur Première von den Komödianten. Haben Sie auch in theatralibus was gesehen? Gehn Sie nach Sicilien? –

Heute holt der Abschreiber meinen letzten Akt. In acht Tagen hoff’ ichs einreichen zu können. – Auch Hugo und Salten finden: Burgtheater. Bahr hat auch schon mit Burckh . gesprochen und Burckh. »erwartet« das Stück. Charakteristisch übrigens, dass Bahr, nachdem er mit Burckh gesprochen und nachdem er von dem Stück nichts wußte als, was ihm Hugo gesagt, dass es sehr gut und »Burgtheater« sei, mir gegenüber äußerte: »Ich hab’ die Empfindung, dass es ins Raimundtheater gehört.« – Man kann übrigens weniger als je ans Raimundth. denken – es wird dort gespielt wie an einem Provinztheater, wo die Leut eben zehn Proben haben, statt einer oder zwei. Aber dadurch kriegen die Herren Heding und Nerz u. s. w. nicht mehr Talent als sie haben. – Burgtheaterversuch muss natürlich strenges Geheimnis bleiben, da ich ja dann, wenn B. es refusirt beim Volkstheater einreichen will. –

Ich freue mich auf Ihre Rückkehr. –

Herzlichen Gruss
Ihr Arthur
Schnitzler, Arthur Wien 20. 10. 1894
  • U.S.A. Yale Beinecke Rare Book and Manuscript Library Yale Collection of German Literature, MSSS 31 Box 1f.

    eh. Brief, 3 Bl., 12 S., Bleistift.

    Stempel 1: Wien 1/1 20. 10. 94 N
    Stempel 2: Napoli ××. ××. 94
  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 232–233
  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Beer-Hofmann, Richard Briefwechsel 1891–1931 Hg. Konstanze Fliedl Wien, Zürich Europaverlag 1992 66–67
  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Briefe Die Neue Rundschau 1957 88–89 68 1