Arthur Schnitzler an Else Singer, 12. 12. 1894

Liebe Else, es scheint, Sie haben einen natürlichen Geschmack für gute Bilder, denn die Sie nannten, soweit ich sie aus Ihren kurzen Bezeichnungen wiedererkennen konnte, gehören zum großen Theil zu den besten in der Ausstellung. Nun ich freue mich sehr, mit Ihnen zwischen den Farben hinundherzuspazieren. – Welches abstoßende Bild Sie in der Nähe des Eingangs meinen, weiß ich nicht recht. Vielleicht das von L. v. Hofmann, das so gobelinartig aussieht? »Frühling« heißt es. Als Gobelin gesehen wirkt es – als Bild will ich es auch nicht. Es ist so trocken, gar kein Duft drauf. Der hagere Reiter über die Leichen – das ist das berühmteste Bild der AusstellungStuck’s »Krieg«. »Das Alter« ist fast mein Liebling. Darin liegt der dumpfe Schmerz, daß man hinunter muß, in diese blöde, tiefe, stumme Erde – darin liegt der Abschied von dem Himmel (»in den man kommt«!! haha) – – und das traurige Warten liegt darin (da man ja nicht davonlaufen kann. –) – Es ist richtig, daß vor solche Bilder Leute, die dumme Witze machen, nicht hingehören. Man braucht nicht idealistisch zu sein, um das zu empfinden, sondern nur geschmackvoll. Geschmack – vielleicht ist das der Idealismus in der Kunst –? Drum gibt es auch realistische Kunstwerke, die sehr idealistisch sind. Darüber aber müßte gesprochen werden. – Was Ihren Gedanken anbelangt: »Der das geschrieben etc hat sein Innerstes etc hineingelegt« – so überschätzen Sie wohl die Mehrzahl der Schriftsteller und Maler. Manche schaffen einfach wie man ein Butterbrod aufstreicht – oder gar ein Schmalzbrod. – Es gibt Bilder und gibt Bücher, vor denen der schlechteste die erbärmlichsten Witze machen darf. Auch seine Andacht soll man nicht misbrauchen, und wer z. B. bei der Entsagung »des«1 Karczag 1 aufmerksam zuhört, benimmt sich grad so gotteslästerlich wie einer, der bei Maria Stuart oder Faust nicht zuhört. –

Schreiben Sie, liebe Else, nur meinen wirklichen, echten Vornamen auf die Couverts. Ich bin nicht Anatol. Ich hab wohl auch manches von ihm – gottlob auch manches andre, und von ihm gottlob (ich mein’ aber nicht Jehovah, wenn ich gottlob sag und auch nicht den heiligen Geist, kaum Buddha, vielleicht Brahma) nicht alles. – Telephoniren –? bitte, sehr gern. Nur nicht in der früh, bis ½ 11, da schlaf’ ich nemlich; – meistens.

– Leben Sie wohl, schreiben Sie mir bald und seien Sie herzlich gegrüßt.
Arth

Daß ich mich sehr gefreut habe, wie ich Sie heute sah – und mich sehr geärgert hab, nur zwei Worte mit Ihnen sprechen zu können, faut il le dire?

Schnitzler, Arthur Wien 12. 12. 1894
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 241–242
1 Entsagung »des« Bahr Karczag Schnitzler zitiert hier aus Bahrs Besprechung ( H. B.: Entsagung. (Schauspiel in vier Acten von Wilhelm Karczag. Zum ersten Mal aufgeführt im Deutschen Volkstheater am 24. November). In: Die Zeit, Bd. 1, Nr. 9, 1. 12. 1894, S. 140–141): »Mit dem Stücke des Herrn Karczag würde das jedoch nicht gehen es würde sich auch nicht schicken.«