Arthur Schnitzler an Marie Reinhard, 7. 7. [1896]

Meine geliebte Mizi, eben fällt mir ein, daß du mich gefragt, ob die andern Briefe an mich auch alle post rest zu adressiren sind – selbstverständlich.

Eigentlich aber will ich dich nur noch hunderttausendmal küssen. Ich bin in Lübeck , wie du merkst. Am Bahnhof. Eben eine Stunde durch die Stadt gefahren. Genug für Lübeck . Schöne alterthümliche Motive in der Architektur, aber die Leute, die hier leben, scheinen soweit flüchtiger Blick es erkennen läßt – in tiefer Kleinstädterei versunken. Eine Stadt, die einmal was großes bedeutet hat – nun wandeln die Krämer als Enkel der großen Kaufherren herum und verstehen die ernsten Thore und Bauten nicht mehr, die vor Jahrhunderten aufgerichtet sind. – In keiner Stadt der Welt, selbst in der allerkleinsten bin ich noch mit so blöder Neugier angeglotzt worden wie hier (damit erklärt sich auch meine Meinung. Etwas bahrisch, nicht?) Also leb wohl mein Schatz und umschwebe mich gütigst! (Gütigst wie formell – und gütig – ein fast edles pathetisches Wort.)

Hier ist an allen Litfaßsäulen angeschlagen: »Gedenke daß du ein Deutscher bist! Kein Fremdwort gebrauchen, das sich deutsch ebenso gut ausdrücken läßt«!! –

– Qu’en dis-tu, ma bien aimée?

Arth
Schnitzler, Arthur Lübeck 7. 7. [1896]
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 290
  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Arthur Schnitzler an Marie Reinhard (1896) Hg. Therese Nickl Modern Austrian Literature 1977 10 3/4 28