Arthur Schnitzler an Marie Reinhard, 23. 8. 1896

Meine geliebte Mizi, eben komme ich aus dem Deutschen Theater, wo ich mit Brahm die Vorlesestunde ausgemacht habe: heut Abends ½ 7. Im allgemeinen hat er eine große Antipathie gegen Vorlesen, und hat sie mit fast verstimmender Deutlichkeit zu erkennen gegeben. Schließlich ist es ihm aber doch lieber, daß er das Stück gleich kennenlernt als daß er noch ein paar Wochen wartet, bis es in Wien abgeschrieben worden ist. Ich hab ihm natürlich freie Wahl gelassen. Hieran kann ich gleich anschließen, daß ich am Vortag meiner Abreise von Skodsborg die veränderten Scenen vorgelesen habe; sie schienen im ganzen zufriedenzustellen. Aber noch kommt man nicht drüber hinaus, daß im 1. Akt eigentlich ein andres Stück versprochen als im 2. u. 3. Akt geboten wird. Da müßten die Schauspielerscenen auf ein Minimum zusammengestrichen werden, was von andern Gesichtspunkten aus wieder nicht wünschenswerth erscheint. – Ich kann nicht verhehlen, daß ich der heutigen Vorlesung mit sehr mäßigen Hoffnungen entgegensehe, obwohl Br. erklärt hat, nach Tisch besser aufgelegt zu sein als Vormittag. Es wird niemand bei ihm sein außer mir – was nun einmal nicht zu vermeiden ist. Im ganzen war er übrigens so liebenswürdig und bon camarade wie immer. –

Hier unterbrech ich auf einen Moment, um dich im Geiste zärtlich an mein Herz zu schließen. –

Vorgestern hab ich in Kop. die Glyptothek, eine Sculpturensammlung angesehen und viel schönes gefunden, besonders antike Büsten. Abends um ½ 7 war ich bei Brandes; es wurde über vieles gesprochen und er fragte mich mancherlei was nicht leicht zu beantworten war, u. a. was die Ideale der jungen Leute von 25 Jahren in Wien seien. Über Bahr äußerte er kurz, daß er ein Affe sei; ich fragte ihn ob er Loris kenne, er sagte nein, erinnerte sich aber daß Bahr einen »lebendigen« Artikel über ihn geschrieben. Auch über die oft besprochenen Symbolist Schwindler ging er her; die ihm so ekelhaft sind, daß er einige, die ihn öfters zu besuchen versuchten, nicht empfangen hat.  .  »Vor allem darf einer nicht affectirt sein.  . «

– Was er über einzelne Menschen sagte, werd ich dir alles in Wien erzählen. Freilich wird das Beste fehlen: seine eigentümliche Art zu reden; zu schauen, von einem Gegenstand zum andern überzugehen, die Bewegung seiner Seele unterhalb des Gesprächs, das schmerzliche, selbstbewußte, bittre, heftige und ironische seines Wesens; das Auf und Ab vom Anekdotischen zum Philosophischen, – kurz alles was eben Persönlichkeit an ihm ist, also sein bestes, wie das beste von allen, die überhaupt was sind. – Um 8 ging ich ins Hotel, nahm Migraenin, legte mich auf ½ Stunde hin; nachtmahlte dann, und ging zum schwarzen Kaffee zu Nansens, wo sich bereits Goldmann befand. Daß ich das 2. Mal von Frau N. nichts erwähnte, liegt daran, daß nichts erwähnenswertes vorlag; und diesmal ist es nicht anders, nur muß ich bemerken, daß sie mir immer weniger sympathisch und er mir immer sympathischer wird. Mitspielen mag da, was Brandes mir erzählt hat. – Sowohl Nansens als Goldmann kamen mit ins Cafehaus wohin auch Br. zu kommen versprochen hatte; er erschien um ½ 11 und man blieb bis nach 1 zusammen; Br. sprach nahezu ausschließlich – erzählte von einer Menge Menschen, auch von sich. Der Grundton ist immer: Ich kenne so viele, und ich bin allein. Nansen’s gingen früher, und dann blieben Goldm. u. ich noch mit ihm zusammen. Ich setze ein paar Namen her, an die du mich erinnern magst : Albert Langen, Daudet, argentinischer Oberst, Sarah Kainz, Gretor, Hebbel. – Themen: Biographien; dänische Literatur, Übersetzungen; Königshaus; Stellung Brandes etc. etc. – Allmälig wird mir das meiste einfallen. –

Hier unterbrech ich wieder, mein Schatz, und küsse dich tausendmal. –

Auf der Fahrt gestern las ich Dichtung u Wahrheit zu Ende, begann den »goldenen Esel« von Apulejus. Überdachte einen 1-aktigen Dramenstoff, der mir aus der Novelle, die du glaub ich nicht kennst »Der Wittwer« erwächst – die, als Novelle, mir wie du weißt nie gefallen hat. Ebensowenig jetzt dem Paul Goldm.

– Das Wetter war sehr schlecht; auch bei Regen hier angekommen. – Im Continental ein schönes, aber theures Zimmer. – In ein Wiener Restaurant, mich nach langer Entbehrung an Pilsner Bier, Kalbsgulyas und garnirtem Liptauer erlabt. – Dann noch ins C. Kaiserhof, wo ich die paar Zeilen an dich, mein Schatz, geschrieben habe. –

Ich bin so glücklich, daß du nun doch um 1 Tag früher kommst. Daß wir uns Abends treffen, fürcht ich wird dir unmöglich sein – also um 3. Wo ist ja selbstverständlich – hoff ich, mein geliebter Engel. –

Ich bin hier 23., 24., 25., 26. Also auf diesen hier, falls du ihn erst am 25. bekommst, antworte mir nach München, Hotel Marienbad. Dort werde ich am 27. u. 28. sein; kannst also, da es ja nah ist, noch am 27. hinschreiben. Am 29. bitte eine Zeile nach Wien . Damit ich gleich beim Nachhausekommen eine finde. Also, der Übersicht halber: Am 25. 26. 27. kannst du Briefe nach München, Hotel Marienbad, am 28. u 29. nach Wien senden. –

Und nun, mein Schatz, leb wohl. Deine Freude an der Natur sowie dein Gefallen an der Mme Bovary hab ich gern erfahren noch lieber, daß du die Natur mit mir genießen möchtest. Ich kann das in der schmerzlichsten Weise nachfühlen – denn ich fühl es längst!

Ich drücke dich ans Herz und küsse deine süßen Augen!
Dein A
Schnitzler, Arthur Berlin 23. 8. 1896
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 299–302
  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Arthur Schnitzler an Marie Reinhard (1896) Hg. Therese Nickl Modern Austrian Literature 1977 10 3/4 62–64