Rosa Freudenthal an Arthur Schnitzler, [4. 10. 1897]

Mein lieber Märchenprinz

Fallen Sie gefälligst nicht in Ohnmacht, da ich Ihnen umgehend antworte – erstens wollte ich dankend Brief und Einlagen bestätigen – drittens fünftens und sechstens – hab ich nämlich heut früh so schrecklich lebhaft an – Gott – wie heißt sie doch gleich – a – ich hab ja den Namen wohl nie gehört – na also an die Mutter gedacht – und konnte gar nicht los kommen von der Erinnerung die sich an Ihr Gesicht mir knüpfte, als ich – (nur wissend daß Geliebte – noch nicht wissend daß Mutter –) Ihnen einmal sagte »Sie würden frei aufathmen wenn sie plötzlich sterben würde!« – wissen Sie daß ich das Ihnen einmal sagte? Da machten Sie ein Gesicht – also denkend daran, vor welchem Ereigniß st si e steht – etwas staunend erschreckt denkend – »wenn sie wirklich dann stürbe?« – Wissen Sie ich hab das Gefühl von Ihnen nie vergessen. –

Sie wissen doch mir entgeht nichts und ich vergesse nichts –

Also heut früh hab ich wieder gedacht – wenn sie wirklich stürbe – da kam Ihr Brief – – Das Kind ist also todtgeboren? – – Sie haben viel Glück!!! Finden Sie mich roh? –

Ihr Plan zu einem neuen Stück welches Sie mir da andeuteten erscheint mit gut

Also ein glückliches Liebespaar sie zart sanft mild – er etwas Tyrann? Die Er sieht der Geburt eines Kindes entgegen? – Ihn erfaßt eine heftige (wozu dunkle?) Leidenschaft zu einer Frau – die matt und farblos verheiratet ist? (Die ein Kind hat welches sich in ihren Augen spiegelnd sieht?) Die Frau erwidert diese seine heftige Leidenschaft? weiß nicht daß er Vater wird? Sie wünscht sich mit ihm ganz zu vereinen? Er zögert? Sie zweifelt an ihm, findet ihn weichlig? etc. er gesteht ihr daraufhin daß er ein Kind von seiner Geliebten erwartet und deshalb aus Schuld und Pflicht u allen möglichen Gefühlen weder Muth noch Wollen hat dieses Mädchen zu verlassen, und sagt ihr, daß er ewig dort sich gebunden fühlen muß wenn erst das Kind da sein wird?

Die Frau ist von dem Gehörten sehr schrecklich entsetzt – sagt ihm noch mehr wie sehr sie ihn liebt und daß sie ihn nie vergessen wird u verläßt ihn? Bald – sehr bald wird sein Kind (welches ganz dummer- und überflüßiger Weise schön sein soll – – zu dumm von einem todtgebornen Kind das zu sagen) – todtgeboren? – Und – – – – – er fühlt sich frei – jubelnd frei – nicht weichlig Schuld bedrückt????

Wissen Sie, mir erscheint das in dem Fall menschlich natürlicher – Er kann sich ja hassen dafür aber jubeln thut er u frei fühlt er sich – Er kann ja nach allen Zusammenhängen suchen und alle Stimmungen haben –aber

Jubelnd thut er – –

Denn das all das Schöne längst zu finden

Da ß s mußt du doch verstehn?

Im Heimgehn wieder durch stille Gassen

Schlichs über dich so bang

Daß du das blonde Mädchen verlassen

So lange schon! Ach wie lang!

Also letzte Akt –

Er streift mit vieler Weihe

Die letzte Fessel ab –? sucht die Frau auf – von der er glaubt, daß sie auf ihn wartet – und erfährt daß sie sich vergiftet hat? – ?? weil – na – also – der Vorhang fällt und Rittner fährt sich entsetzt durch die Haare? – wie er das ja so elegant macht!

Ich war nämlich gestern in Mutter Erde 1 – hat mir sehr gefallen – sehr! Von Agnes Jordan will ich Ihnen schreiben, wenn ich es gesehen hab! Arbeiten Sie bald, daß wir Sie hier auch schnell aufführen können.

Wie könnte das Stück heißen?

Zu Spät (Bischen × s chauerlich???)

das könnten die letzten Worte sein wenn der Vorhang fällt?

Ich bitt Sie schrecklich, finden Sie mich nicht zu frech und dumm daß ich Ihnen sowas schreibe – ich bitte sie schrecklich!!

Ich will auch demnächst mir Tschaperl ansehen. Neulich war Felix Holländer bei mir ein halbes Stündchen und erzählte mir daß Bahr sehr bald nach Berlin käme, er wolle ihn mir bringen, denn der würde mir gewiß gefallen. Was sagen Sie? Ganz genau?

Hören Sie, – daß mir der Herr Dr Richard Beer-Hoffmann keine Grüße sandte – hat mich – – – – na – gewundert – nicht daß ich es erwartet hätte? aber da er nicht kam – hat er mich – etwas enttäuscht. Es ist ja gut so – sicherlich. – na – es war in Wien doch ganz schön – – und – jetzt bin ich nämlich etwas verlegen und weiß nicht recht was ich sagen soll . , darum grüße ich Sie schnell und auch den

BeerHoffmann

Ihre
RF

Sagen Sie – plötzlich kommt mir in den Sinn es ist nicht wahr daß das Kind todt ist???

Freudenthal, Rosa Berlin [4. 10. 1897]
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.3035/3

    eh. Brief, 3 Bl., 10 S., von Schnitzler mit Bleistift datiert: » 4/X 97 «

1 Mutter Erde Von Max Halbe.